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Chen Li (Taiwan): Das schwarze Schaf

Posted: August 19th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Das schwarze Schaf

Der jüngste, der das Gymnasium geschmissen hat und sich seither herumtreibt, ist das schwarze Schaf unter uns drei Brüdern, obwohl er ein grünes Drachen-Tattoo auf dem Schenkel hat, und sein Herz so weich ist wie das seiner Mutter. Mutter fährt ihr Leben lang mit dem Rad zur Arbeit und zahlt ihr Leben lang seine Schulden ab. Sie hofft immer noch, ihr Jüngster möge auf den rechten Weg zurückfinden. Mehrere Motorräder hat sie ihm schon gekauft. Auch Autos, und sie sind alle verschwunden. Nun hat sie erneut hinter meinem Rücken Kredit aufgenommen, um ihm einen Wagen zu kaufen. Der Wagen ist weiß, weiß wie Morgennebel im Winter. An jenem Morgen kam ich wieder in die Shanghai-Straße und sah, wie sie sich mit einem Putzlappen an das geparkte Auto heranschlich und es sanft und kraftvoll polierte, als wolle sie ein schwarzes Schaf weiß reiben. Rieb und rieb. Sie wusste, dass das weiße Auto bald von der Bildfläche verschwinden würde, und musste dem schwarzen Schaf ein weißes Fell nähen, bevor es erwachte.


Shang Qin (Taiwan, 1930-2010): Zwei Texte

Posted: Mai 25th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Die Grenze

Es heißt, es sei Krieg in der Ferne …

Da sieht sich in der Morgendämmerung auf der Straße ein Patrouillenfahrer genötigt zu halten, an einer ganz hindernislosen Stelle. Und danach verschränkt er die Hände hinter dem Rücken und wandert dahin mit geneigtem Kopf und gemessenen Schritts, um eine Erklärung bemüht, und will erkunden, wo die Grenze verläuft. Und wird so zur Skulptur dieses Gedankens.

Ein streunender Hund nun sieht die Grenzlinie mit eigenen Augen: Sie ist gewoben aus der gefühlten Richtung eines nächtlichen Traums, projiziert vom starren Blick eines frühen Gurglers, und aus ihrem Echo, zurückgeworfen vom Glasscherbenscheitel einer Betonblockmauer.

Die Geschwindigkeit des Schalls

In Trauer um Wang Yingxian, der im Polizeigewahrsam ertrank

Einer springt von der Brücke.

Bizarr verdreht und zugleich steif, wie eine Atrappe im Film. Mitten im Fall hält er eine halbe Sekunde inne, um dann langsam weiterzufallen. Das Echo des entsetzlichen Schreis im Augenblick des Sprungs war von der Wasseroberfläche zurückgeworfen worden und hatte ihn kurz gehalten. Als er dann auftraf, gab es nur noch einen trockenen Platscher.

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Vgl. Remembering Shang Qin von Steve Bradbury und weiterer Beitrag in ‘Full Tilt’.

Ferner: Peter Hoffmann, Traum oder Morgen – Texte des surrealistischen taiwanesischen Autors Shang Qin (*1930) (gemeinsam mit Studenten des Seminars für Sinologie der Universität Heidelberg). Bochum: Projekt Verlag, 2006.


Chen Li: Die Zunge

Posted: Februar 13th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Die Zunge

Ich hab ein Stück meiner Zunge in ihr Federkästchen getan. Jedesmal, wenn sie es aufmacht, um ihrem neuen Geliebten zu schreiben, hört sie mein Gestammel, das einer Reihe krakeliger Schriftzeichen gleicht und von Komma zu Komma dem Kratzen ihres frisch gespitzten Stiftes folgt. Sie hält inne. Sie weiß nicht, dass es meine Stimme ist, sie meint, dass ich für immer verstummt sei nach den Worten, die bei unserem letzten Treffen an ihr Ort gedrungen sind. Sie schreibt noch eine Zeile und entdeckt dann, dass ihr das Schriftzeichen ? (ai, „Liebe“), mit seinen vielen Strichen nicht schön geraten ist. Sie greift sich meine Zunge, die sie für einen Radiergummi hält, und radiert und radiert voller Kraft auf dem Papier herum, bis ein Blutfleck auf der Stelle zurückbleibt, wo vorher das Zeichen ? war.

Informationen zu Chen Li auch hier.


Chen Li: Dreizeilengedichte

Posted: April 22nd, 2011 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Aus: Die siebte Seite des Würfels
Mikrokosmen

ich warte, ich sehn’ mich nach dir:
ein Würfel im leeren Becher der Nacht
will seine siebte Seite zeigen
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Hung Hung: Hymne auf Hualien

Posted: März 29th, 2011 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , , | No Comments »

Hymne auf Hualien

Dank sei Gott für die Dinge, die wir nicht verdienen

die Berge von Hualien, das Abendblau im Sommer um sieben

tiefer Schlaf, der bei 100 km/h in einer Kurve

sichtbar werdende schiefe Horizont des Meeres, Liebe

und Sünde, SEINE Ungerechtigkeit

deine Schönheit

1993

Hung Hung ??, geb. 1964 in Tainan, Lyriker, Theaterregisseur und Filmemacher, lebt in Taipeh (Taiwan).