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Shang Qin (Taiwan, 1930-2010): Zwei Texte

Posted: Mai 25th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Die Grenze

Es heißt, es sei Krieg in der Ferne …

Da sieht sich in der Morgendämmerung auf der Straße ein Patrouillenfahrer genötigt zu halten, an einer ganz hindernislosen Stelle. Und danach verschränkt er die Hände hinter dem Rücken und wandert dahin mit geneigtem Kopf und gemessenen Schritts, um eine Erklärung bemüht, und will erkunden, wo die Grenze verläuft. Und wird so zur Skulptur dieses Gedankens.

Ein streunender Hund nun sieht die Grenzlinie mit eigenen Augen: Sie ist gewoben aus der gefühlten Richtung eines nächtlichen Traums, projiziert vom starren Blick eines frühen Gurglers, und aus ihrem Echo, zurückgeworfen vom Glasscherbenscheitel einer Betonblockmauer.

Die Geschwindigkeit des Schalls

In Trauer um Wang Yingxian, der im Polizeigewahrsam ertrank

Einer springt von der Brücke.

Bizarr verdreht und zugleich steif, wie eine Atrappe im Film. Mitten im Fall hält er eine halbe Sekunde inne, um dann langsam weiterzufallen. Das Echo des entsetzlichen Schreis im Augenblick des Sprungs war von der Wasseroberfläche zurückgeworfen worden und hatte ihn kurz gehalten. Als er dann auftraf, gab es nur noch einen trockenen Platscher.

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Vgl. Remembering Shang Qin von Steve Bradbury und weiterer Beitrag in ‘Full Tilt’.

Ferner: Peter Hoffmann, Traum oder Morgen – Texte des surrealistischen taiwanesischen Autors Shang Qin (*1930) (gemeinsam mit Studenten des Seminars für Sinologie der Universität Heidelberg). Bochum: Projekt Verlag, 2006.