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Chen Li (Taiwan): Das schwarze Schaf

Posted: August 19th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Das schwarze Schaf

Der jüngste, der das Gymnasium geschmissen hat und sich seither herumtreibt, ist das schwarze Schaf unter uns drei Brüdern, obwohl er ein grünes Drachen-Tattoo auf dem Schenkel hat, und sein Herz so weich ist wie das seiner Mutter. Mutter fährt ihr Leben lang mit dem Rad zur Arbeit und zahlt ihr Leben lang seine Schulden ab. Sie hofft immer noch, ihr Jüngster möge auf den rechten Weg zurückfinden. Mehrere Motorräder hat sie ihm schon gekauft. Auch Autos, und sie sind alle verschwunden. Nun hat sie erneut hinter meinem Rücken Kredit aufgenommen, um ihm einen Wagen zu kaufen. Der Wagen ist weiß, weiß wie Morgennebel im Winter. An jenem Morgen kam ich wieder in die Shanghai-Straße und sah, wie sie sich mit einem Putzlappen an das geparkte Auto heranschlich und es sanft und kraftvoll polierte, als wolle sie ein schwarzes Schaf weiß reiben. Rieb und rieb. Sie wusste, dass das weiße Auto bald von der Bildfläche verschwinden würde, und musste dem schwarzen Schaf ein weißes Fell nähen, bevor es erwachte.


Chen Li: Die Zunge

Posted: Februar 13th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Die Zunge

Ich hab ein Stück meiner Zunge in ihr Federkästchen getan. Jedesmal, wenn sie es aufmacht, um ihrem neuen Geliebten zu schreiben, hört sie mein Gestammel, das einer Reihe krakeliger Schriftzeichen gleicht und von Komma zu Komma dem Kratzen ihres frisch gespitzten Stiftes folgt. Sie hält inne. Sie weiß nicht, dass es meine Stimme ist, sie meint, dass ich für immer verstummt sei nach den Worten, die bei unserem letzten Treffen an ihr Ort gedrungen sind. Sie schreibt noch eine Zeile und entdeckt dann, dass ihr das Schriftzeichen ? (ai, „Liebe“), mit seinen vielen Strichen nicht schön geraten ist. Sie greift sich meine Zunge, die sie für einen Radiergummi hält, und radiert und radiert voller Kraft auf dem Papier herum, bis ein Blutfleck auf der Stelle zurückbleibt, wo vorher das Zeichen ? war.

Informationen zu Chen Li auch hier.


Chen Li: Dreizeilengedichte

Posted: April 22nd, 2011 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Aus: Die siebte Seite des Würfels
Mikrokosmen

ich warte, ich sehn’ mich nach dir:
ein Würfel im leeren Becher der Nacht
will seine siebte Seite zeigen
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