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Han Han: Etwas Freiheit bitte!

Posted: September 15th, 2014 | Author: RM | Filed under: Allgemein | No Comments »

Etwas Freiheit bitte!

Blogeintrag von Han Han, 26.12.2011

Übersetzung: Rupprecht Mayer

In meinem vorletzten Posting habe ich geschrieben, dass jeder eine andere Freiheit will, und im letzten, dass Demokratie und Rechtsstaat Feilschen bedeuten. Ganz gleich wie hoch der Weihnachtsrabatt ist, umsonst kriegt man nichts. Ich fange jetzt mal mit dem Feilschen an.

Zunächst einmal will ich, als ein Kulturschaffender, im neuen Jahr mehr kreative Freiheit. Ich habe nie von der Soundso-Freiheit oder der Soundso-Freiheit geschrieben, weil diese beiden Begriffe euch unterbewußt Angst einflößen und in Abwehrstellung bringen. Obwohl diese beiden Freiheiten ja seit jeher in der Verfassung stehen. Sie wurden nur nie richtig umgesetzt. Weil ich gerade dabei bin, möchte ich gleich noch etwas Pressefreiheit für die Kollegen von den Medien. Die Presse wird immer schon sehr streng unter Kontrolle gehalten. Und dann noch die Freunde vom Film, deren Leiden kannst du dir gar nicht vorstellen. Alle tappen sie wie Minensucher vorwärts bei ihrer künstlerischen Arbeit. Wer auf eine Mine tritt, der kommt um, wer nicht auf eine Mine tritt, dessen Gang ist langsam und verbogen. Diese Freiheiten entsprechen dem Lauf der Zeit, und ihr habt sie versprochen. Ihr habt bestimmt die KPdSU studiert. Ihr meint, dass ihre Niederlage zu einem großen Teil auf die Aufhebung des Zeitungsverbots durch Gorbatschow zurückgeht, und darauf, dass er die oberste Gewalt entsprechend der Verfassung von der KP an den Obersten Sowjet zurückgegeben hat. Deswegen seid ihr vorsichtig geworden, was Meinungsfreiheit und Verfassungstreue betrifft. Aber die Zeiten haben sich geändert, die modernen Methoden der Nachrichtenverbreitung machen alle Abschirmungsversuche nutzlos. Und die Einschränkungen im Kulturbereich haben dazu geführt, dass aus China kaum Schriften oder Filme kommen, die die Welt beeinflussen, und dass wir Kulturmacher nicht erhobenen Hauptes gehen können. Gleichzeitig hat China auch keine Medien mit globalem Einfluss – viele Dinge kann man für Geld nicht kaufen. Dabei ist ja eigentlich ein Aufblühen der Kultur eine preiswerte Sache: umso weniger Kontrolle, umso stärker die Blüte. Wenn ihr weiter behauptet, dass die Kultur in China nicht kontrolliert wird, dann wäre das allzu unaufrichtig. Deswegen meine herzliche Bitte, dass der Staat im neuen Jahr in den Bereichen Kultur, Verlagswesen, Presse und Film die Fesseln lockern möge.

Wenn man sich darauf einigen könnte, dann würde ich für meinen Teil für mehr Freiheit im Kulturbereich folgende Zusage geben: nicht abzurechnen, nach vorne zu schauen, nicht über sensible Vorfälle in der Geschichte der Regierungsführung von denen zu reden, nicht über die Sippen in den obersten Gruppierungen und deren Interessen zu reden oder sie zu bewerten, nur die derzeitige Gesellschaft würde ich bewerten und diskutieren. Wenn sowohl der Kulturbereich wie die staatliche Seite ein Stück nachgeben und gegenseitig eine vereinbarte Grenze respektieren würden, um dafür selbst mehr Spielraum zu gewinnen, das wäre doch wunderbar.

Aber wenn sich nach zwei, drei Jahren die Situation immer noch nicht verbessert hat, dann werde ich bei jeder nationalen Tagung des Schriftstellerverbandes oder des Verbandes der Kulturschaffenden im Saal sitzen oder an der Türe stehen, um zuzuhören und zu protestieren. Wie eine von den sprichwörtlichen Ameisen, die einen Baum schütteln wollen, eine winzige Kraft, nicht der Erwähnung wert – aber was kann man sonst tun. Natürlich nur ich allein, ohne einen einzigen Gefährten, und ich werde auch nicht meine Leser aufwiegeln. Ich werde nicht auf Kosten der Zukunft anderer mein eigenes CV aufbessern. Außerdem vertraue ich auf die charakterlichen Qualitäten unserer Generation, und deswegen glaube ich, dass das früher oder später kommen wird. Ich hoffe einfach nur, dass es früher kommen wird. Denn ich glaube, dass ich noch besser schreiben kann, aber ich möchte damit nicht warten müssen, bis ich alt bin, und deswegen bitte ich darum, vorankommen zu dürfen.

Das sind meine persönlichen Anliegen, die mit meinem Arbeitsgebiet zu tun haben. Ich finde, dass es in dieser für alle nützlichen Diskussion weniger um Überlegungen geht, wie es sein sollte, sondern eher darum, was man tun sollte. Es heißt ja, dass man sich in einem bestimmten Augenblick immer nur eine einzige Sache wünschen kann, und ich habe den Wunsch, den ich frei hatte, schon verbraucht. Andere Dinge, wie Fairness, Gerechtigkeit, Justiz, politische Reformen und das alles, das können die Freunde vorbringen, die es brauchen. Zwar glaube ich nicht, dass Freiheit unbedingt für sehr viele Menschen das vornehmste Ziel ist, aber niemand möchte immer in Angst und Unsicherheit leben. Möge jeder, der kein Geld hat, unter fairen Bedingungen zu einem werden, der Geld hat, und mögen alle, die Geld haben, sich nicht länger den Ausländern unterlegen fühlen, weil sie nichts anderes haben als Geld. Es sollten alle jungen Leute, wie wir an diesem Weihnachten, angstfrei über Revolution, Reformen und Demokratie diskutieren dürfen und sich um die Zukunft des eigenen Landes Sorgen machen, als wäre es ein Teil des eigenen Körpers. Politik ist nicht schmutzig, Politik ist nicht doof, Politik ist nicht gefährlich. Schmutzige, doofe oder gefährliche Politik ist nicht wirklich Politik. Chinesische Arzneien, das Schießpulver, Seide und Pandbären bringen uns keinen Ruhm, und nur weil sich Landratsgattinnen hundert Louis-Vuitton-Taschen kaufen können, zollt man unserer Nation noch keinen Respekt. Ich hoffe, dass die Regierungspartei große Schritte nach vorn tut, dann wird sie ewigen Ruhm ernten auch in den Geschichtsbüchern, die sie nicht selbst geschrieben hat.



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