bambusleiste_sml

Erster April

Posted: Dezember 2nd, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | No Comments »

Erster April

Von Huang Xiaoling ???

Morgens um acht trat ich durch das Portal unseres grossen, weissen Botschaftsgebäudes. Geheimer Stolz wärmte mir das Herz. Wer hätte es sich vor zwanzig Jahren träumen lassen, dass China einmal ein solches Objekt in bester Citylage kaufen könnte? Und heute fuhr ich, ein kleiner Nachwuchsdiplomat, schon einen BMW und lebte in einer stattlichen Wohnung, und wenn ich dienstlich mit ihnen zu tun hatte, dann bewiesen die eigentlich als leicht arrogant geltenden Einwohner unseres Gastlandes D. die größte Beflissenheit. Ich gehörte, um einen in der Heimat aktuellen Begriff zu gebrauchen, zur Mittelklasse. „Das chinesische Volk ist aufgestanden“, so hatte es der alte Mao ausgedrückt. Auf eine solche Bemerkung hin hatte ein reich gewordener alter Schulfreund die Brauen hochgezogen und ungläubig gefragt, ob das ein Witz sei, über den er lachen solle. Er war nicht auf der Höhe seiner Zeit.

„Huang,“ ein Anruf von Botschaftsrat Wu riss mich aus meinen Gedanken, „morgen ist die Verhandlung wegen des Unfalls von Lin Xiangyang. Gehen Sie hin!“

„Jawohl!“ Zum Glück konnte Wu nicht sehen, wie sich meine Miene verdüsterte. Wenn man in einer Behörde arbeitet, dann folgt man Weisungen. Es war meine Bestimmung, mich mit unangenehmen Dingen und mit unangenehmen Leuten auseinanderzusetzen zu müssen.

Wieder dieser Lin Xiangyang. Kennengelernt hatte ich ihn bei einem unserer Empfänge für neu eingetroffene Studenten. Jeder stellte sich da selbst vor, und manche machten das ganz witzig, aber in der Regel blieb es bei ein oder zwei trockenen Sätzen. Nur einer hatte sich kerzengerade aufgerichtet und eine regelrechte Rede vom Stapel gelassen: „Ich komme von einer / wunderschönen Insel / vor der Südostküste unseres Vaterlandes / es gibt dort / goldene Strände / die Lichter der Fischerboote / das Morgenrot über dem Meer / und bizarr geformte Klippen / ich möchte hier / das modernste Know-how erlernen / um meiner Heimat / den Aufschwung zu bringen.“ Das war ein Pathos, wie man es heutzutage nur noch selten hört. Ich verkniff mir ein Grinsen und musterte diesen Lin Xiangyang aus den Augenwinkeln. Ein Enthusiasmus, wie ich ihn schon lange nicht mehr erlebt hatte.

Als ich Lin das nächste Mal sah, waren schon zwei Jahre vergangen. Es gab eine Anhörung an seiner Universität, in einer idyllischen kleinen Stadt. Anders als in China gibt es in D., das lange aus unabhängigen Fürstentümern bestanden hatte, allerorten Universitäten, auch in Kleinstädten mit nicht einmal hunderttausend Einwohnern. Die Universität war eine der ältesten des Landes, und die Maschinenbau-Fakultät, an der Lin studierte, war in der ganzen Welt berühmt. Lin Xiangyang hatte bei der Zwischenprüfung geschummelt, und nach den jahrhundertealten Regeln dieser Hochschule stand darauf die umgehende Zwangsexmatrikulation. Es war traurig zu sehen, wie Lins Blick, in dem einst ein Feuer gelodert hatte, nun plötzlich leer geworden war. Die Professoren, die an der Anhörung teilnahmen, drückten ihr Bedauern darüber aus, dass die Studenten aus China, die früher fast ausnahmslos eine Elite gebildet hätten, jetzt doch sehr durchmischt seien. Viele gebe es, die wie Lin wegen ihrer Jobberei das Studium nicht mehr auf die Reihe brächten.

Lin schlug sich als Studienabbrecher ein halbes Jahr schlecht und recht durch. Dann weigerte sich das Ausländeramt, seinen Aufenthalt zu verlängern, und Lin stellte Antrag auf Asyl. Doch ausser einer allgemeinen „Verfolgung durch die Behörden“ konnte er dafür keine Begründung beibringen. Doch das Asylverfahren in D. ist für seine Langwierigkeit berühmt, und so vergingen weitere zwei Jahre, bis ich ihm im Verwaltungsgericht wieder begegnete. Das Leben im Asylanten-Container hatte Lins Augen vollends den Glanz genommen. Sein Antrag wurde abgelehnt. Es war nicht mehr wie in den frühen 90er Jahren, die Erfolgsquote der Asylanträge von Chinesen war drastisch gesunken. Nach der Verhandlung brach man mit Lin in Richtung Flughafen auf, er sollte nach China zurückgeführt werden. Doch unterwegs gelang ihm die Flucht, und danach hörte ich nichts mehr von ihm. Er war wohl wie so viele Chinesen in die Illegaligät abgetaucht und spülte im Keller eines Chinarestaurants Geschirr.

Vor zwei Wochen nun klingelte mein Bereitschaftstelefon, als ich gerade mit chinesischen Freunden einen Ausflug machte. Es war am Tag des chinesischen Totenfests. Die Strassenbahn hatte einen chinesischen Staatsbürger überfahren, der unvermittelt auf das Geleis gesprungen war. Die Polizei identifizierte ihn als den seit fast zwei Jahren verschwundenen Lin Xiangyang. Als ich die Klinik erreichte, war er schon tot. Seine Augen standen noch weit offen, und aus seinen erstarrten Pupillen traf mich ein so unendlich trauriger Blick, dass ich ihm am liebsten mit eigener Hand die Lider geschlossen hätte.

Das Gericht, vor dem der Unfall verhandelt wurde, war in einer mittelalterlichen Burg untergebracht. Davor wuchsen Linden mit dichten Kronen, der Marmorboden in der Halle des Gerichts glänzte wie ein Spiegel, und Statuen griechischer Göttinnen musterten einen durch fünf Jahrhunderte hindurch. Ein bärtiger Richter in schwarzer Robe schüttelte mir freundlich die Hand und eröffnete die Verhandlung.

Später geriet plötzlich alles ausser Kontrolle. Der Rechtsanwalt der Strassenbahngesellschaft hatte den Sachverhalt dargestellt und mit den Worten geschlossen: „Der Unfall ist voll und ganz auf die Selbsttötungsabsicht des Herrn Lin zurückzuführen. Die Anklage wegen fahrlässiger Tötung entbehrt jeder Grundlage.“ Kaum war dieser Satz übersetzt, da stürzte sich Lins Mutter, die bis dahin stumm wie ein Stein dagesessen hatte, wie eine Löwin auf den Anwalt, packte ihn an seiner thaiseidenen Krawatte und brachte den netten und verbindlichen, an Gregory Peck erinnernden Herrn zu Fall. Weiss der Himmel, woher die hagere alte Frau die Kraft dazu genommen hatte. Im Gerichtssaal brach das Chaos aus. Die Gerichtswachtmeister zerrten die beiden auseinander, Gregory Pecks Heldengesicht hatte einen wächsernen Ton angenommen, und er bekreuzigte sich in einem fort. Die alte Frau giftete weiter in einer Sprache, die niemand verstand, und nach ihren hasserfüllten Blicken zu urteilen hätte sie Gregory Peck am liebsten aufgefressen.

Meine Position als offizieller Vertreter Chinas war gründlich lädiert. Ich musste uns nicht nur beim Richter entschuldigen, sondern auch begütigend auf Gregory Peck einwirken, damit er nichts gegen Lins Mutter unternahm. Die Verhandlung war zu Ende, die Klage von Lins Mutter abgewiesen. Beim Abschied gab sie mir den Spruch mit auf den Weg: „Du bist eine Schande für uns Chinesen!“ Aber wer hatte hier China wirklich blamiert?

Der Frühling ging ins Land, der Sommer kam, und ich plante gerade meinen Heimaturlaub, als mich Botschaftsrat Wu in sein Büro bestellte. Es herrschte schönes Wetter, und Wu war in sonniger Laune. Er liess mich auf seinem Sofa aus echtem Leder Platz nehmen und meinte freundlich: „Na, der erste Besuch des erfolgreichen Diplomaten in der Heimat?“

„Vielen Dank für die Anteilnahme durch die Führung!“ Ich gab mich überrascht.

„Lin Xiangyang war doch auch aus Ihrer Provinz?“

Die Frage alarmierte mich. Worauf wollte er hinaus?

„Die Sache damals mit dem Trambahnunfall haben Sie ja gut abgewickelt, wirklich perfekt. Aber da gibt es jetzt noch ein Nachspiel. Die Trambahngesellschaft hat aus Mitgefühl für die Familie eine Sammlung veranstaltet. Es wäre doch am einfachsten, wenn Sie den gespendeten Betrag während Ihres Heimaturlaubs bei Lins Familie vorbeibringen würden.“

Pech gehabt. Nicht nur, dass ich keinerlei Lust hatte, meine kostbaren Urlaubstage für eine Dienstreise zu opfern, noch weniger Lust hatte ich, Lins Mutter wiederzusehen, die im Jahr des Löwen geboren worden wäre, wenn es das gäbe. Aber was blieb mir übrig, als meinen Ärger in Einsatzfreude umzuwandeln. Es gelang mir sogar ein Lächeln, als ich die gehorsame Ausführung der Weisung zusicherte.

„Und betreiben Sie bei der Gelegenheit auch etwas Aufklärung über unsere Aussenpolitik. ‚Aus Feinden Freunde machen!’“

Lins Dorf war nicht so einfach zu erreichen. Sechs Stunden mit dem Überlandbus, dann auf die Fähre, und für den restlichen Weg gab es nur ein Lasten-Dreirad. Auf der mit Segeltuch abgedeckten Ladefläche wurde man kräftig durchgeschüttelt, und der knatternde Dieselmotor stiess alle paar hundert Meter schwarze Abgaswolken aus, die das Gefährt einhüllten. Als wir ankamen, fühlte ich mich dreckig wie ein Urmensch. Aber was sage ich, die Urgesellschaft kannte noch keine Umweltverschmutzung.

Das Dorf war überschaubar, gut hundert Haushalte. Am Dorfeingang grüßte ein kleiner Berg, und die aus den 80er und 90er Jahren stammenden Häuser aus Naturstein hatten zwei bis drei Geschosse. Die regelmäßigen Aussenmauern mit dem weissen Mörtel zwischen den roten Steinen wirkten hübsch, auch die maschinell geglätteten Innenwände machten einiges her. Ein Mitglied des Dorfparteikomitees brachte mich zum Haus der Lins.

Der Zustand ihres Hauses jagte mir einen Schrecken ein. Ein Flachbau mit drei Räumen, unregelmäßig ausgeführt in der primitiven Bauweise der 50er und 60er Jahre. Das Mauerwerk aus unbehauenen Steinen in allen möglichen Farben war vom Zahn der Zeit angegriffen. Manche Steine hatten sich verschoben, das Ganze wirkte so unstabil, dass man damit rechnete, es könnte jeden Augenblick zusammenkrachen.

„In so einem einsturzgefährdeten Haus wohnen noch Leute?“ fragte ich. „Kein Geld da für einen Neubau. Als Xiangyang ins Ausland ging, haben die Lins ihre ganzen Ersparnisse drangegeben, sogar die ganze Verwandschaft hat sich in Schulden gestürzt“.

Die Tür war verschlossen. Als auf sein Rufen niemand antwortete, meinte das Komiteemitglied: „Die arbeiten. Der Vater ist eigentlich nicht mehr hinausgefahren, er hat von der Gemeinde etwas Unterstützung gekriegt, Brennholz gesammelt und noch etwas Gemüse angebaut, das hat gut gereicht. Sie haben immer darauf gewartet, dass Xiangyang verdient und sie die Schulden zurückzahlen können. Aber nachdem die Sache mit ihm passiert war, musste sein Vater wieder fischen. Heute haben die Netze ja ziemlich weite Maschen, wenn da einer ungeschickt ist, dann kann er mit einem Fuß darin hängenbleiben. Ziemlich gefährlich. Und seine Mutter flickt wieder Netze. Er ist weg, aber die Schulden sind noch da.“

„Seine Mutter kommt zurück, wenn es dunkel wird,“ sagte der Mann vom Dorfkomitee, als er meine Enttäuschung bemerkte. Er stiess gegen die Tür, die sich knarrend auftat. „ Die sind so arm, die haben keine Angst vor Dieben“, meinte er noch.

Nach einer Minute hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Unebener Lehmboden. Zwei große, leere Woks auf dem Herd hinter der Tür, hinten im Raum ein quadratischer Tisch, wie sie auf dem Dorf üblich sind, dazu zwei Holzsessel, an der Wand ein langer Opfertisch, dessen Lack schon fast ganz abgeblättert war. Von diesem Mobiliar abgesehen war der Raum leer. Ich betrachtete die ockergrauen Wände. Über dem Opfertisch klebte ein Mao-Bild aus längst vergangenen Zeiten, links davon hing ein Foto, an dem ein Trauerstreifen angebracht war.

„Wer ist das?“ „Xiangyang“, sagte der Mann vom Parteikomitee. Das Bild zeigte Lin Xiangyang als gutaussehenden jungen Mann. Seine Augen strahlten noch stärker als damals, als ich ihn das erste Mal sah. Aber das Erstaunlichste war: er hatte einen Doktorhut auf! Lin Xiangyang hatte doch nicht einmal sein Diplom geschafft!

„Das Foto hat er mit seinem letzten Brief mitgeschickt. Seine Eltern sind extra in die Kreisstadt gefahren, um es vergrößern zu lassen.“ „Wo ist der Brief?“ fragte ich sofort. Der Mann vom Komitee öffnete eine Tischschublade, in der ein paar Dutzend Briefe lagen, ordentlich gestapelt. „Xiangyang hat fast jeden Monat geschrieben. Die Alten sind ja Analphabeten, ich musste ihnen jeden Brief vorlesen.“

Ich sah mir die Briefe an, deren kräftige beige Kuverts sauber aufgeschnitten waren. Xiangyangs Handschrift war klar und kraftvoll. Selten, dass im Computerzeitalter jemand noch mit schwarzer Tinte schrieb. Oben rechts klebten immer schöne Sondermarken, und auf der Rückseite jedes Kuverts stand: „Absender: Lin Xiangyang, Fakultät für Maschinenbau, XY-Universität, D.“.

Der Mann vom Komitee reichte mir den zuoberst liegenden Brief. Das sei der letzte gewesen. Ich faltete ihn auseinander. Lin Xiangyang hatte hier zum ersten Mal besonders schöne lila Tinte verwendet.

„Vater, Mutter: Wieder ist ein Monat vergangen. Ich hoffe, es geht Euch gut. Vater ist nun schon alt und sollte nicht mehr aufs Meer hinausfahren. Das ist zu gefährlich. Hat Mutter die Salbe verwendet, von der ich Euch im letzten Brief geschrieben habe? Sind ihre Gelenkschmerzen jetzt besser? Ich habe eine wichtige Neuigkeit für Euch! Habt Ihr das Foto geshen? Das Gewand, das ich darauf anhabe, heisst Doktor-Talar. Die Mühen all dieser Jahre haben sich gelohnt – ich bin jetzt Doktor einer berühmten Universität! Der Traum unserer Familie hat sich erfüllt!
Es wird jetzt langsam wärmer. Ich laufe wieder täglich auf dem Sportplatz der Univerität. Hier ist der Himmel jeden Tag blau, und in der Luft schwebt ein Duft, der mich an den Geschmack des vom Meer her wehenden Windes erinnert. Letzte Nacht waren die Sterne besonders groß, der Himmel sah aus wie ein riesiger Kulissenvorhang. Jeden einzelnen Stern konnte man deutlich sehen, so wie damals, als ich noch klein war, auf dem Berg bei unserem Dorf. Wenn ich nun bald die Heimreise antrete, dann wird mir der Abschied schwer fallen, aber der Gedanken daran, dass wir von nun an für immer ohne Sorgen zusammen sein können, macht mich wieder froh. Ich hoffe, dass diese Stunde, die ich Tag und Nacht ersehne, bald da sein wird.

Es wünscht Euch alles Gute

Euer Sohn Xiangyang, 1.4.2004“

Ich starrte auf dieses Datum. Erster April, der Tag, an dem jeder Scherz erlaubt ist. Alles verschwamm vor meinen Augen, und ich legte den Brief zurück.



Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.