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Am Nordbahnhof

Posted: November 26th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | No Comments »

Xiao Kaiyu

Am Nordbahnhof

Mir ist als wäre ich viele.
Auf der Brücke am alten Nordbahnhof, da fangen sie an
in meinem Körper zu streiten. Diskussionen, Wortgefechte.
Ich rauche, betrachte die Bahnhofsruine,
ich will schreien, meine Kehle brennt.
Mir ist als wäre ich viele.
An einem toten Gleis klopfe ich mit den Füßen
blätternden Rost von den Schienen.
Was für ein Gedränge in mir, mir ist als stiegen Leute ein,
als stiegen andere aus, ein Zug kommt entgegen,
ein anderer fährt mir aus dem Leib.
Mir ist als wäre ich viele.
Ich betrete einen großen Saal, steige über Geländer.
Wo man einst die Karten kontrollierte, da bin ich
plötzlich leer. Ah, kein Reisender mehr in diesem Wartesaal,
nur stehende, sitzende Schatten.
Mir ist als wäre ich viele.
In einer nahen Gasse, beim kleinen
Zigarettengeschäft, beim öffentlichen Telefon,
da quellen sie hervor wie Schweißperlen, hocken herum
und hüpfen, versperren mir den Weg.
Sie tragen Armbanduhren und buntkarierte Hemden,
halten schwere Koffer, als wären es Luftballons.
Mir ist als wäre ich viele.
Ich esse Nudeln, da sitzen sie mir gegenüber
mit spitzen und eckigen Gesichtern lachen sie schallend.
Sind etwas buchhalterisch,
trügerisch normal. Doch ich habe gewaltigen Hunger. Lieder summend aus alten Filmen
klettern sie in meine Schale.
Mir ist als wäre ich viele.
Doch sie klumpen zusammen zu einem Knäuel Panik. Der Bus, in den ich stieg,
fängt an zu schwanken. Ich gehe in eine Bar, aber es gibt keinen Strom.
So bleibt mir nur zu Fuß zu gehen
nach Hongkou, zum Bund, zum Platz, auf Umwegen nach Hause.
Mir ist als steckten andere Füße in meinen.

10.6.1997

Übersetzung: Rupprecht Mayer



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