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Chen Cun: Fernsehen

Posted: Dezember 5th, 2011 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , | No Comments »

Wenn sie nach dem Abendessen mit dem Abwasch fertig ist, dann ist für unser Dienstmädchen die Arbeit eines Tages zu Ende. Mit dem Ende der körperlichen Arbeit endet ihre Arbeit tatsächlich. Sie geht in ihr Mansardenzimmer, legt sich vor den Fernseher und räkelt und streckt sich. Ein Tag körperliche Arbeit macht müde. Das ist der Augenblick, nach dem sie sich den ganzen Tag gesehnt hat. Erst lärmende, aufdringliche Werbung, dann fängt ihre Lieblingsserie an. Am besten diese Liebesverwicklungen, bei denen eine Ewigkeit vergehen muss, bis zwei zusammenkommen. Sie sollen nie aufhören, man muss immer nach vorne schauen können, bis man zu einer „Klippe des Ausblicks nach dem Gatten“ ver­steinert. Unser derzeit amtierendes Dienstmädchen heisst Mondchen, vier­undzwanzig, vier Jahre Grundschule, zwei Jahre verheiratet, anderthalb Jahre Arbeitserfahrung weg von zu Hause als Restaurantgehilfin und Dienstmädchen. Jiji hat sie vom Vermittlungsbüro für Hausangestellte mitgebracht. Ihr Mann schlägt sie immer wieder, einfach so, hat sie Jiji erzählt. Die Männer in der Stadt sind besser, meinte sie, die schlagen ihre Frauen nicht. Du weißt nicht, was die Männer in der Stadt alles auf Lager haben, sagte ihr Jiji, glaubst du, ein Mann ist schon ein guter Mensch, wenn er seine Frau nicht schlägt? Die Männer auf dem Land wissen, dass ihre Frauen Angst vor körperlichen Schmerzen haben, aber die in der Stadt sind zu allem fähig, die wissen, dass wir Angst vor seelischem Schmerz haben. Natürlich, Schlagen ist auch nicht das Richtige. Ich glaube du hast es gut, Mondchen.

Trotz alledem meinte Mondchen, die Männer in der Stadt seien besser.

Ich war baff, als Jiji mir das erzählte.

Ihr Mann ist dieser Tage in Shanghai, auf Arbeitssuche, heißt es. Sein Wiederse­hensgruß bestand aus einem Faustschlag ins Gesicht und einem Fußtritt. Ihm passte nicht, dass sie trotz seiner wiederholten Aufforderungen nicht heimgekommen war. Keine langen Erklärungen. Wenn ein Mann im Recht ist, dann reichen ein Faustschlag und ein Fußtritt. (Ich beneide ihn. Ich würde Jiji ja auch gern mit einem Faustschlag vor die Tür befördern, aber die Frauen in der Stadt machen gleich ein großes Tamtam wegen sowas, mit Freunden und Verwandten, Nachbarn und Bekannten, und zuletzt zieht man dann doch den Kürzeren). Mondchen fing daraufhin in allen Tonlagen zu heulen an. Von dem Geschimpfe des Mannes bekam ich nur ein paar Verb-Objekt-Verbindungen mit, weil er sich seines Heimatdialekts bediente. Ich kam gleich heraus und stellte mich vor die beiden. Der Mann baute sich höflich vor mir auf, Hände an der Hosennaht, grüßte mich als Dage („Älterer Bruder“), und bot mir eine Zigarette an. Mondchen, die immer noch heulte, musste mir Feuer geben. Ich bat ihn in mein Zimmer, ließ ihn auf dem Sofa Platz nehmen und schenkte ihm eigenhändig Tee ein. Mondchen war nun mit dem Weinen fertig, kam herein und sagte, ihr Mann habe noch nichts gegessen, ob sie ihm nicht etwas machen könne. Nein, nein, nicht nötig, meinte der Mann, aber ich sagte: doch, essen Sie was, essen Sie, es ist nur einfache Hausmannskost. Ich forderte ihn auf, kräftig zuzulangen. Wenn es nicht reichen würde, könne Mondchen noch Nudeln machen. Er bot mir nochmals eine Zigarette an, während er aß, ich sagte, wir können die meinen rauchen. Er entschuldigte sich vielmals, als er nach meiner Zigarette griff, er müsse für Mondchen um Dienstbefreiung bitten, sie wollten jemand aus ihrer Heimat treffen, es könne spät werden. Essen Sie erst mal, sagte ich, und dann geht nur. Sie verschwanden nacheinander im Mansardenzimmer. Mondchen machte die Tür leise zu und hielt sie eine Stunde geschlossen. Auch ich machte die Tür hinter mir zu und übte vor dem Spiegel. Ein Fausthieb, ein Fußtritt, einmal links, einmal rechts, das wäre doch was. Als Intellektueller wirft man mit unzähligen Argumenten um sich und behält doch immer weniger Recht. Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen, das ist es. Als sich die Tür wieder öffnete, trug Mondchen ihre schönste rote Kombination, war kräftig geschminkt und strahlte, und ihr Mann erschien noch höflicher und liebenswürdiger als zuvor.

Es gab mal einen Ausländer, dem fielen fast die Augen heraus, als er hörte, dass wir ein Dienstmädchen beschäftigen. Ihm wollte nicht in den Kopf, wie sich so arme Leute Dienstpersonal leisten können. Arme Leute arbeiteten doch selbst als Dienstpersonal. Obwohl es den internationalen Gepflogenheiten zu­widerläuft, erkundigte er sich – aus rein wissenschaftlichem Interesse sozu­sagen – wieviel wir für das Dienstmädchen ausgaben. Fragen Sie nur, kein Pro­blem. Ich erzählte es ihm bereitwillig, auf Heller und Pfennig genau. Verstehe, verstehe, meinte er, Dienstmädchen sind in China vergleichsweise billig. Dritte Welt. Romane sind billig in China, Dienstmädchen auch, wirklich ein Paradies. Ja, ich beglückwünschte mich, dass ich in der Dritten Welt lebe, ein Dienstmäd­chen ist da kein Luxus. Was ich ihm nicht erzählte, war, dass man für billiges Geld keine gute Ware kriegt. Das ist eine feste Regel. Aber das soll nur ein ein­gängiger Vergleich sein. Nicht dass ich Menschen als Ware betrachten würde. Nur ein Vergleich. Bei uns zu Hause kommen und gehen die Dienstmädchen wie durch die Drehtür. Geht die eine, wird eine neue gesucht, ein dutzend Mal in einem halben Jahr wiederholt sich das. Mit einer anderen Frau muss man erst das ein oder andere Gespräch führen, bevor sie bei einem einzieht, man muss mit ihr unter einer Decke schlafen und sich in tiefschürfenden Gesprächen mit ihr austauschen. Ein Dienstmädchen kommt einfach und zieht bei einem ein, ohne ein einziges Wort. Was sollte sie auch sagen. Männer und Frauen finden erst richtig zusammen, wenn sie miteinander ins Bett gehen. Aber sie ist das Dienstmädchen, ich darf sie nicht verführen, ich darf auch nicht zulassen, dass sie mich verführt. Die sind auch nicht in der Stimmung für Romanzen mit un­sereinem. Als Hausmann bin ich der geschäftsführende Manager eines Hauspersonal-Trainingszentrums. Einer nach der anderen muss ich erklären, wo der Reis ist, wo das Öl ist, wo der Lebensmittelmarkt, wo man Briefe abschickt. Was Mao’a gern isst, was ich gern esse, was Jiji ungern isst. Wir haben uns allen Küchen Chinas geöffnet. Eine in weiter Ferne lebende Frau, die ich nie zu Gesicht bekommen habe, bestimmt unseren Speisezettel – die Mutter unseres Dienstmädchens. Aber auch darauf, dass man selber für das Dienstmädchen kochen muss, sollte man vorbereitet sein.

Papa, ich will kein Dienstmädchen!

Mao’a hat eine instinktive Abneigung gegen Dienstmädchen. Sie berauben sie der Freude, vom Vater höchstpersönlich zur Schule gebracht zu werden. Wäh­rend der Dienstmädchen-Krisen begleite ich sie zur Schule, und sie genießt das in vollen Zügen. Es macht ihr Spaß, wenn ich das Frühstück für sie zuberei­te, und es macht ihr Spaß, auf dem vorn am Rahmen meines Fahrrads ange­brachten Holzbrett sitzend zur Schule zu sausen. Sie ist für die Fahrradglocke zuständig, ich fürs Bremsen. Das ist doch viel angenehmer, als zu Fuß zu ge­hen. Mao’a geht ebenso ungern zu Fuß wie ich. Also mag sie von Natur aus keine Dienstmädchen.

- – - Shushu („Onkel“), mein Vater meint, ich soll heimkommen. – - – Shushu, es gibt wieder was zu Hause, meine Mutter sagt, ich soll ausrichten, dass meine Tante heiratet. – - – Dage, mein Mann meint, ich soll heimkommen, mein Kind ist krank, das arme Ding, meine Tochter ist kränklich. Wenn er sich um sie küm­mert, dann hab ich keine Ruhe, sonst schon, aber wenn sie krank ist, dann hab ich keine Ruhe. Ich hab keine Ruhe, Dage, ich kann nichts machen – - – Dage, ich muss heimfahren, um meine Wintersachen zu holen, ich komme gleich wieder zurück.

Stimmt, sage ich dann, du hast keine Ruhe. Hol deine Wintersachen. Fahr zu der Hochzeit. Besuch deinen Vater. Jeder Mensch hat einen Vater, deine pietät­volle Kindesliebe ist erfreulich. Ich seh mir ihr Gesicht an, ihren üppigen jungen Körper. Niedere Gedanke kommen mir. Natürlich ist es ein Problem für so eine Frau, nicht gefickt zu werden. Ich hab doch nichts im Sinn mit ihr, natürlich lege ich euch keine Steine in den Weg. Und einmal kam ein älteres Dienstmädchen, die heulte drei Tage in einem Stück, und unterm Heulen meinte sie, sie würde bei uns arbeiten, bis Mao’a mit der Grundschule fertig sei und bis sie mit der Mittelschule fertig sei und bis sie auf die Uni käme, dann würde man weiterse­hen. Sie heulte und heulte, bis ihr zuletzt dämmerte, dass es doch nicht so toll gewesen war, beleidigt von zu Hause wegzulaufen. Ihr Mann sei schließlich immer noch ihr Mann, Männer hätten nun mal ihre Launen, und eine Nacht im Ehebett macht hunderttausend Tränen wett, und kein Groll überdauert die Nacht. Ist gut so, gehen Sie nach Hause, liebe Frau, zu Ihrem Mann, zu Ihrem Familienleben. Dienstmädchen spielen macht keinen Spaß, zu Hause ist es am schönsten. So nette Leute sind wir nun auch wieder nicht. Nehmen Sie Ihren Lohn, nichts zu danken, gehen Sie nach Hause. Dankeschön, dass Sie uns drei Tage ausgeholfen haben.

Ein Dienstmädchen hat keinerlei Veranlassung, treu und loyal zu sein. Der Lohn ist niedrig, man hat keine Ansprache, man findet keine Anerkennung, man kann nicht einfach weg. Sie hat keine Veranlassung dazu. Ihr Leben ist nicht mehr dasselbe, sobald sie den Fuß über die Schwelle ihres Arbeitgebers gesetzt hat. Ihre Lust auf Essen, auf Sex und auf ein hübsches Aussehen muss sie ebenso verbergen wie ihre kleinen Macken. Ihr Mann kann einem ebenfalls leid tun. Er hat sich eine Frau genommen, und jetzt zieht sie bei einem anderen ein. Nicht auszudenken, wenn der andere auf schlechte Gedanken käme. Aber wenn er nicht auf schlechte Gedanken käme, wenn er diese Frau gar nicht als Frau wahrnehmen würde, das wäre ebenso unerhört.

Mondchen trug anfangs nie Röcke, nur weite lange Hosen. Als Jiji ihr ihre Röcke schenkte, die für sie nicht mehr modisch genug waren, da nahm sie die gerne entgegen, zog sie aber nicht an. Mit der Zeit dann aber doch. Erst die langen, dann die kürzeren, und zuletzt kaufte sie sich selber bunt gemusterte Shorts. Ihre Oberschenkel hatten das Licht der Sonne nicht mehr gesehen, seit sie erwachsen war. Wie bleich wirkten sie nun im hellen Licht, allen Blicken ausge­setzt. Mir kam sie nur irgendwie verändert vor, aber Jiji hatte es gleich regis­triert. Schön, Mondchen, kurze Hosen stehen dir gut! Jijis aufmunternde Worte ließen sie leicht erröten, machten sie verlegen. Aber in dieser Stadt zeigten alle Frauen im entsprechenden Alter ihre Oberschenkel, und wenn Mondchen schon fleißig den Shanghai-Dialekt lernte, dann sollte sie auch fleißig ihre Oberschen­kel zeigen.

Mir fiel auf, dass sie jetzt, zum Besuch ihres Mannes, ihre Schenkel wieder ein­gepackt hatte. Ein Zeichen des Respekts gegenüber ihrem Gatten. Ein Foto. Mach bitte noch ein Foto, Dage! Ihr Mann hat die zwei Fotos gesehen, die ich von ihr in Röcken gemacht habe, und er hat wohl nichts dazu gesagt. Es ist ein Geben und Nehmen – wenn du auf der Straße die Schenkel anderer Frauen se­hen willst, dann müssen die anderen auch die Schenkel deiner Frau sehen dürfen.

Gibt es überhaupt noch Frauen, die ihre Schenkel nicht zeigen wollen?

Oberschenkel sind ja kein besonderer Anblick mehr, wenn man eine Menge von ihnen gesehen hat. Wenn man als Frau will, dass die Männer etwas spüren, dann muss man ihnen was zeigen, bevor es andere Frauen tun. Die Som­mermode schon im Frühling auszuführen, oder im Winter, das erfüllt diesen Zweck. Zum Bibbern schön, sagt Jiji dazu. Wenn erst alles gezeigt wird, was sich Schenkel nennen darf, dann kann von einer visuellen Schockwirkung keine Rede mehr sein. Selbst ein Schenkelpaar mit einem Versicherungswert von zehn Millionen würde dann in der Masse untergehen wie eine Perle in einem Berg von Fischaugen. Am Strand hätte ich es am liebsten, wenn sie sich alle wieder anziehen würden. Ihr könnt falsche Busen benutzen, ihr könnt auf optische Täuschungen bauen, aber dann geht nicht Schwimmen. Wenn ich gefragt werde: steht mir mein Badeanzug? Dann sage ich immer ganz höflich: ja, sieht gut aus, steht dir prima. Dann geht sie in dem Badeanzug, der ihr so gut steht, ins Wasser. Ich sehe zu, wie sie immer mehr im Wasser versinkt, und sie sieht für mich dann immer besser aus. Und ich bete, dass die „drei Stellen“ nicht auch noch freigelegt werden.

Hübsche Leute.

Sie und ihr Mann. Sie sagt, es sei ihr Mann. Als ich nachts aufs Klo ging, dachte ich erst, sie sei krank. An der Tür war ihr unterdrücktes Stöhnen zu hören. Auf dem Weg zurück ins Zimmer lachte ich vor mich hin. Lass sie doch stöhnen, soll sie doch!

Sie ist nicht schön. Aber praktisch.

In den Tagen der Dienstmädchen-Revolten bin ich in höchster Unruhe. Ich bitte Jiji, mir schnell eine neue zu suchen. Jiji hat dann erst am Sonntag Zeit, manch­mal hat sie auch erst in der nächsten Woche eine Spalte frei, in der sie das ein­rücken kann. Tot oder lebendig, zum Teufel mit den Anzeigen, du musst mir ein Dienstmädchen ranschaffen. Ich werde dann unglaublich grob, verlange von Jiji, dass sie keinesfalls wieder eine an Land zieht, die nach kurzer Zeit wieder weg­läuft, und sie soll auch keine bringen, die nicht arbeiten kann, der man noch das Essen machen muss. Dann such doch selber, meint Jiji darauf. Woher soll ich wissen, ob sie wieder geht und ob sie kochen kann. Die sagen doch alle, dass sie bleiben, und dass sie alles können. Aber ich suche nicht selber. Als Mann auf den Markt zu gehen, um eine Frau auszusuchen, das passt irgendwie nicht. Und ausserdem würde ich mir bestimmt eine junge, hübsche herauspi­cken, die zwei linke Hände hat. Wenn eine junge weggelaufen ist, dann verlange ich von Jiji, dass sie eine ältere sucht, aber dann stellt sich heraus, dass auf die auch kein Verlass ist, und wenn die ältere gegangen ist, dann lasse ich Jiji wieder eine jüngere suchen. Eine junge kann zumindest mit Mao’a spielen.

Jeder Dienstmädchenwechsel macht Mao’a hochgradig nervös. Spät abends möchte sie noch nicht ins Bett. Sie weint dann, so richtig mit Tränen. Papa, ich hab Angst! Ich weiß, wovor sie Angst hat. Mit einer fremden Person im selben Zimmer zu schlafen, das macht einem auch Angst. Wie im Hotel, jeden Augen­blick kann ein Hammer niedersausen. Gut, schlaf erst mal ein, zwei Nächte bei mir im Oberstock, und wenn du dann keine Angst mehr hast, dann schläfst du ganz oben, ja? Die Tante ist lieb, die mag dich doch. Mao’a hört auf zu weinen und fragt: Papa, eine Nacht oder zwei? Gut, dann komm für zwei Nächte, heute und morgen. Ich will drei Nächte. Gut, schlaf erst mal zwei Nächte bei mir, dann reden wir über die dritte Nacht. Mao’a holt dann ihre Decke und ihr Kopfkissen und legt sich brav neben ihren Vater. Glücklich und zufrieden. Ich streiche über ihr Haar. Schlaf schön, mein liebes Kind, Papa ist da, du brauchst keine Angst zu haben. Erzähl mir eine Geschichte, Papa. Eine, die du dir selber ausgedacht hast, vom tapferen Zhang, sagt Mao’a und streichelt meinen Bart. Baat, Baat. Wenn ich in Stimmung bin und es noch nicht zu spät ist, dann erzähle ich ihr ein, zwei Geschichten. Um diese Tageszeit folgen sie einem festen Muster: „Vom tapferen Zhang und von der furchtsamen Wang“.

Es war einmal ein Junge namens Tapferer Zhang, der hatte eine Freundin namens Furchtsame Wang. Unsere Geschichten beginnen immer so. Was soll ich heute vom Tapferen Zhang erzählen? frage ich und stubse ihre Nase. Vom Tapferen Zhang … Mao’a überlegt eine Weile. Wie der Tapfere Zhang eine Me­lone isst … nein, erzähl erst, wie er seinem Lehrer einen Streich gespielt hat!

Also gut. Der Tapfere Zhang war immer zu Streichen aufgelegt. Eines Tages kam er in die Schule und sah, wie Lehrer Li auf dem Schulhof Purzelbäume schlug …

Mao’a lacht. Ich schaffe es immer, sie zum Lachen zu bringen. Was für ein Bengel, dieser Tapfere Zhang. Der Lehrer Li hat zuletzt die Segel gestrichen und ist vor ihm auf die Knie gegangen. Geschichten, wie man Lehrer ärgert, das hören Kinder gern. Aber jetzt wird nichts mehr erzählt, eine Zugabe habe ich ja schon gegeben. Du musst jetzt schlafen, Mao’a. Ruf den Papa morgen, wenn du aufwachst, der Papa gibt dir dann deine Medizin. Gut, Papa, gute Nacht. Gute Nacht, mein liebes Kind. Sie gibt mir einen Kuss und schläft brav ein.

Mit einem Buch dunkle ich das Licht der Tischlampe ab, dann lese ich in der Zeitung. Ich hoffe immer, dass sie bald einschläft und ich an meine Arbeit ge­hen kann. Sie reibt den Zeigefinger an ihren Lippen. Eine Macke, die sie von klein auf hat. Das bedeutet, dass sie gleich schlafen wird. Ich selber bin auch drauf und dran einzuschlafen. Aber plötzlich wälzt sie sich herum und ist wieder voll da.

Papa, letztes Mal hat die Jiejie („ältere Schwester“) in der Nacht meine Schoko­lade geklaut.

Erzähl keinen Unsinn! Schlaf.

Das stimmt aber, ich hab’s gesehen. Ich bin Pipi machen gegangen, da hab ich’s gesehen. Mao’a setzte sich erregt im Bett auf.

Die Jiejie kommt vom Land, da kriegen die ganz selten Schokolade. Wenn du Schokolade isst, dann gib ihr was ab. Kinder dürfen nicht geizig sein.

Aber ich gebe ihr jedesmal was ab, und trotzdem klaut sie mitten in der Nacht meine Schokolade!

Schlaf jetzt wirklich! Die letzte Jiejie war noch sehr jung, zu Hause war sie Pa­pas und Mamas Liebling, und seinen Liebling schickt man nicht in die Ferne zum Geldverdienen. Da war ihr schon mal Unrecht geschehen. Dass Kinder naschhaft sind, das ist die natürlichste Sache der Welt. Und Mao’a gibt ihr nicht die Schokolade, die sie selber nicht mag. Mir fiel eine chinesische Tradition ein: „Lieber einem befreundeten Staat etwas schenken als den eigenen Sklaven“. Mao’a hat wie von selbst diese Tradition übernommen. Mao’a zeigt ihr mit Vor­liebe, dass sie alles kriegen kann, was sie will. Mao’a findet schon als kleines Kind Spaß daran, ihre Überlegenheit zu beweisen.

Mao’a, Mao’a, auch dein Vater war mal ein Dörfler, und wenn er nicht in die Stadt zurückgekonnt hätte, dann würde er jetzt noch zur Arbeit aufs Feld gehen und wäre kein beschissener bekannter Schriftsteller. Dann wärst du jetzt vielleicht auch ein Dienstmädchen und würdest bei einer fremden Familie Scho­kolade klauen. Werde großzügiger!

Geh doch aufs Feld, geh doch, ich geh zu Mama. Ich bleib bei Mama zu Hause. Mama hat nie auf dem Feld gearbeitet. Und ein Dienstmädchen werd ich erst recht nicht.

Dich gäb’s gar nicht, wenn dein Vater am Feld arbeiten würde, denke ich mir. Ist ja gut, du musst jetzt schlafen. Dein Vater kann’s nicht erwarten, dass du ein­schläfst. Er muss arbeiten.

Während ich darauf wartete, dass Mao’a einschlief, dachte ich an jenes junge Dienstmädchen. Sie war mager und klein, hatte einen stumpfen, gelblichen Zopf und einen ausweichenden, unruhigen Blick.

Hilf mir doch mal. Du steigst auf die Leiter, und ich geb dir die Bücher, zwanzig sind’s, du stellst die da rein, ja genau, dort dazwischen. Schau genau, Band eins, zwei, drei, vier, fünf, die gehören zusammen, stell sie in dieser Reihen­folge auf, bring sie nicht durcheinander. Und richte sie schön gerade aus. Das sieht doch gut aus, wenn die genau ausgerichtet sind, oder?

Gut, Shushu, lass mich mal machen, das ist doch einfach, meinte sie fröhlich.

Behende kletterte sie die Leiter hoch, stellte im Nu die Gesammelten Werke meines verstorbenen Kollegen Lin Yutang ins Regal, und kletterte ebenso be­hende wieder herunter. Moment mal, irgendwas stimmte da nicht. Hast du sie in der richtigen Reihenfolge aufgestellt? Ja, Shushu. Sie wollte die Leiter schon wieder aufräumen. Noch nicht, meinte ich, ich steige mal rauf. Höchst unbe­hende kletterte ich hoch, aber ich schaffte es. Die Bücher standen nicht nur in der falschen Reihenfolge, sondern zum Teil kopfüber im Regal. Ich ordnete sie. Ich kann Chaos ertragen, aber nicht bei Büchern. Ich ertrage es nicht, wenn ein Buch kopfüber steht, oder mit dem Rücken zur Wand. Wenn meine Tochter so gearbeitet hätte, dann hätte ich ihr eine Standpauke gehalten. Aber sie war nicht meine Tochter.

Abendessen. Als wir fast fertig waren, sagte das Dienstädchen: Shushu, ich – ich will nicht mehr arbeiten. Ich war verblüfft, warum denn? Sie senkte den Kopf und sagte, sie will mich nicht mehr haben. Sie sagt, ich soll abhauen. Ich sah Mao’a an, hast du das gesagt? Mao’a nickte ängstlich. Ich klopfte ihr mit den Essstäbchen auf den Kopf, als Strafe für ihre Kompetenzüberschreitung und Zügellosigkeit. Sie verzog das Gesicht, aber sie weinte nicht.

Was Mao’a sagt, das zählt nicht. In dieser Familie habe ich das Sagen. Und ich hab nicht gesagt, dass wir dich nicht mehr wollen.

Doch, hat sie. Ich – ich bin halt dumm. Shushu, wirklich, ich arbeite nicht mehr weiter. Ich kann die Arbeit nicht.

Ich sah sie an. Sie neigte den Kopf trotzig zur Seite, ihren angeblich 17 Jahre al­ten Kopf. Betrachtete irgendwas durchs Fenster. Sie war körperlich kaum entwi­ckelt, dünne Ärmchen, vorn und hinten flach wie ein Bügelbrett. Dünnes, gelbli­ches Haar. Ihr Zopf bot ein klägliches Bild. Auch Mädchen vom Land sind doch junge Damen. Jugendblüte. Aber ich spürte rein garnichts. Schlagertexte hin oder her, „es war einmal ein Mädel, das hieß Xiaofang“, aber wenn Xiaofang in die Stadt geht, dann wirkt sie nicht mehr wie eine junge Dame. Entweder sind sie noch nicht entwickelt, oder schon, aber dann unter der Haube. Oder sie sind noch nicht entwickelt und trotzdem schon unter der Haube. Gut, dann hör halt auf. Sie begann mir jetzt leid zu tun. Sie hätte wirklich zu Hause bleiben sollen. Was bringt einem schon eine Stadt, eine fremde Stadt. Was bringen dir schon Hochhäuser, in denen du nicht wohnen kannst, und Autos, in denen du nicht mitfahren darfst! Was bringt es dir, Restaurants anzugucken, in denen du nichts zu essen kriegst! Was bringt es dir, bei einer fremden Familie zu wohnen und fremde Bücher einzuordnen! Und die Schokolade von fremden Leuten zu essen. Ganz gleich wie scheißfreundlich die Leute zu dir sind, du bist nicht ihr Liebling, dem sie Geschichten vom Tapferen Zhang und der Furchtsamen Wang erzählen. Was bringt es dir, wenn die Leute höflich zu dir sind. Sie fragen dich, wann du Geburtstag hast, schenken dir ein Stück Torte, und dann lassen sie dich arbeiten. Auf dieser Welt bist du nur für deine Eltern der Liebling. Sogar wenn Eltern ihrer Tochter die Essstäbchen auf den Kopf hauen, dann bleibt sie immer noch ihr Liebling. Von fremden Leuten kriegst du nicht einmal das. Fremde Leute bringen dir viel Höflichkeit und wenig Geduld entgegen, und jede Menge Misstrauen und Wachsamkeit. Schmutzige Flüche werden in der Stadt zu höflichen Floskeln.

Zu verlangen, dass ein Dienstmädchen in Herzengemeinschaft und voller Harmonie mit uns lebt, ist unfair. Wenn ich in der Zeitung lese, dass eine Frau Sowieso die völlige Harmonie mit ihrem Dienstmädchen hergestellt hat, dann kann ich nur lachen. Nicht einmal mit sich selber ist man in völliger Harmonie, verdammt nochmal. Ein Dienstmädchen hat keinen Grund, mein Zuhause so liebevoll zu behandeln wie ihr eigenes. Man wird sie nicht als Mitglied der eigenen Familie ansehen. Sie isst mit wie alle anderen, man feiert ihren Ge­burtstag, man sagt Mao’a, dass sie von ihren Süßigkeiten immer der Ayi („Tante“), der Jiejie, der Apo („Mütterchen“) etwas abgeben soll, man bringt ihr das Lesen bei, man macht Fotos von ihr, bitte lächeln, man macht beim Essen Smalltalk mit ihr. Aber sie weiß selbst am besten, dass sie nicht zur Familie ge­hört. Alles Wesentliche, das diese Familie angeht, geht sie nichts an. Sie ist nur Gast auf Zeit. Sie arbeitet, und dafür wird sie bezahlt und darf einen Blick auf den nichtigen Glanz der Großstadt werfen. Es ist ein Handel. Ein seltsamer Handel, bei dem man unter dem selben Dach wohnt und aus dem selben Topf isst. Niemand darf ins Schlafzimmer kommen und sehen, wie man mit einer Frau im Bett liegt, aber das Dienstmädchen darf es. Sie kommt herein und tut so, als sähe sie nichts. Man selbst tut auch so, als sähe man sie nicht. Im Grunde meines Herzens habe ich eine noch größere Abneigung gegenüber Dienstmädchen als Mao’a. Sie geben mir das Gefühl, als Fremder in der eigenen Wohnung zu leben. Ich fühle mich wie schweißgebadet, und keine Dusche weit und breit. So weit ist es gekommen, dass man als Mann für das Dienstmädchen zuständig ist. Was soll ich heute besorgen, ich rechne es dann mit Ihnen ab, haben wir noch Waschmittel im Haus? Wie ist es bei euch am Land, frage ich, Sie haben bestimmt ein schweres Leben gehabt. Sie dürfen auf keine Leiter steigen, nicht in Ihrem Alter, das wäre schlimm, wenn Sie sich die Knochen brechen. Schlimm für mich und schmerzhaft für Sie. Der Dreck macht nichts, das Fenster putze ich selber. Ayi, Sie waschen mir die Lappen aus, ich halte mich an dem Fensterflügel fest, kein Problem, ich bin ja ein Mann. Kein Problem, einmal drüberwischen, dann ist das Fenster schon viel heller. Ich klammere mich an den metallenen Fensterhebel und denke mir, wäre doch toll, wenn Jiji jetzt da wäre, schwalbenleicht und flink wie sie ist. Morgen wird wieder so eine beschissene Firma ihre Eröffnung feiern, wieder wird ein rotes Band durchschnitten, wieder eine Veranstaltung. Einladungen, Geldgeschenke in roten Kuverts oder Sachgeschenke für Journalisten und Gäste, und am Abend davor muss Jiji wieder texten, sich kreativ den Kopf zermartern, muss diese blödsinnige Firma in den Himmel loben, um an ihren Werbeetat ranzukommen. Natürlich ist diese Firma – Jiji hat es mir klargemacht – viel wichtiger als diese paar Fensterscheiben. Aber, meine Liebe, die Fensterscheiben sind für die Wohnung, was dein Dingsda für deinen Korpus ist. Du kommst notfalls dein Leben lang ohne diese Klitsche von Firma aus, aber du brauchst dein Leben lang das Licht, das durch diese Fenster fällt, und dein Dingsda, um pinkeln zu können. Das Fensterglas spendet dir keine Geldgeschenke und keine Sachgeschenke, aber Licht. Wenn du die Scheiben blitzblank putzt, dann kommt noch mehr Sonnenlicht rein und lässt deine Herzensblumen erblühen. Aber dafür muss man hinaufklettern, muss man die Arme ausstrecken und mit dem Putzlappen hin- und herfahren. Als ob man mit der verdammten Scheibe ins Bett steigen würde, oder in den Ring. Ich wohne im zweiten Oberstock, ums Verrecken würde ich das Dienstmädchen nicht auf dem Fensterbrett stehen lassen, wo sie dann mit dem Kopf und dem Körper draußen wäre. Nicht einmal wenn sie jung wäre würde ich das zulassen. Aber die Sonnenstrahlen, die durchs Fenster fallen, kommen doch allen zugute, warum zum Teufel muss ich als einziger da hinaufsteigen. Ich hab meine eigene Arbeit hingeschmissen, muss ausrechnen, was ein Pfund Kohl kostet, wieviel Reis wir fürs Abendessen brauchen und wieviele Eier, und dann muss ich noch darauf achten, dass das Dienstmädchen bei guter Laune bleibt. Ich bin halt der letzte Idiot. Ich möchte so ein richtig engherziger, schwieriger, kleinlicher Mensch sein. Wie diese Fensterscheiben, verdammt nochmal, mit dicken Lagen Staub, am Kopf und am Hirn, so dick, das man ihn kaum mehr wegkriegt. Jede Menge Dreck liegt unter diesem Staub, das Schmutzwasser tropft hinunter, ich fange es mit der Hand auf, es könnte ja die Nachbarn unten verärgern. Meine Stimmung ist so trüb wie dieses dreckige Wasser. Ich würde ja nichts sagen, wenn ich hier alleine hausen würde. Aber ich lebe doch mit dir zusammen!

Um in bessere Stimmung zu kommen, fasse ich das Fensterputzen als sexuelle Betätigung auf, mit kraftvollen Vorstößen und kreisförmigen Bewegungen. Mal „der sich emporschwingende Riesenvogel“, mal „die Gottesanbeterin, die eine Zikade fängt“. Und dabei vorsichtig sein und das Wasser nicht runtertropfen lassen. Damit die Nachbarn nicht schmutzig werden. Immer an die andern den­ken. Wieder und wieder, neun flache Stöße, dann ein tiefer Stoß. Die Zeit vergeht schneller, wenn man es von der erotischen Seite nimmt. Das ist wirklich eine Arbeit für Männer. Besteigen, dann wieder runter, von vorne, von hinten, eine nach der anderen, je mehr desto besser. Verdammt, ich bin der Lüstling Ximen Qing unter den Fensterputzern!

Wenn ich fertig bin, setze ich mich ans Fenster, rauche die Zigarette danach und erfreue mich an den blitzblanken Scheiben. Verdammt sauber sind die! Ihre Sauberkeit hellt meine Stimmung auf. Wer so ein durchsichtiges, klares und ehrliches Fenster sein eigen nennt, der hat nicht umsonst gelebt.

Kapitel aus dem Roman “Xianhua he ???” (”Schnittblumen und”) von Chen Cun ??, 1997.


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