bambusleiste_sml

Ein Daoist als Hüttenwirt

Posted: August 7th, 2012 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Mein ehemaliger Prüfling Wang Tingshao erzählte von einer Frau aus Xinzhou, die von ihrem Mann aus Armut verkauft worden war und nach fast zwei Jahren plötzlich zurückkam. Sie erzählte, sie sei, nachdem jemand sie erworben hatte, zu einer Familie gebracht worden. Dort traf bald danach ein Dao-Meister ein, der sie in die Berge mitnahm. Sie bekam grosse Angst, aber sie war ja schon verkauft worden und musste sich damit abfinden. Auf das Geheiss des Dao-Meisters schloss sie die Augen und hörte, wie ein säuselnder Luftzug an ihren Ohren vorbeistrich. Nach einer Weile liess er sie die Augen wieder öffnen, da standen sie bereits auf einem Berggipfel. Dort gab es schöne Häuser und Hütten, und über zwanzig Frauen kamen auf sie zu und befragten sie. Sie erzählten ihr, dies sei der Palast von Unsterblichen, hier würde man keine Not leiden. Auf die Frage, was man hier tun müsse, antworteten sie, sie müssten nur abwechselnd dem Meister beiwohnen. Es gebe hier Gold und Silber zuhauf, auch Perlen, Jade und edle Seidenstoffe. Geisterwesen kämen sofort, wenn man sie riefe, und würden sie mit feinen Speisen und wertvollen Früchten versorgen. Kleidung, Essen und die Dinge des täglichen Bedarfs stünden einem Fürstenhaushalt in nichts nach. Nur einmal im Monat müsse man einen geringfügigen Schmerz erdulden, aber das sei nicht weiter schlimm. Dann deuteten sie in diese und jene Richtung und sagten: Hier ist das Vorratshaus, hier die Küche, hier sind unsere Wohnräume, und hier wohnt der Meister. Zuletzt wiesen sie auf zwei ganz oben liegende Räume und erklärten: Dort verehrt der Meister den Mond und den Grossen Bären, und dort widmet er sich der Alchemie. Es gab auch Dienstpersonal, doch keinen einzigen Mann. Von nun an wurde sie untertags gerufen, um mit dem Meister das Lager zu teilen, des Nachts bestieg der Meister den Altar, um zu beten. Dann konnten die Frauen in ihr Schlafgemach zurück. Doch nach ihrer Monatsblutung mussten sie sich splitternackt ausziehen und wurden mit einer roten Samtkordel so fest an einen grossen Pfahl gebunden, dass sie Hände und Füsse nicht mehr rühren konnten. In den Mund wurde ihnen ein Baumwollballen gesteckt, so dass sie keinen Ton mehr hervorbringen konnten. Dann nahm der Meister ein metallenes Röhrchen, das wie ein Essstäbchen aussah, suchte nach guten Einstichstellen an ihren Adern, stach ihnen in beide Arme und Oberschenkel und saugte Blut. Es war eine höchst grausame Prozedur. Danach strich er Heilpulver auf die Wunden. Es tat nicht weh, und binnen kurzen bildete sich Schorf, der am nächsten Tag schon abfiel. Dann war wieder alles wie zuvor. Der Palast lag in grosser Höhe, man konnte von dort Wolken und Regen von oben betrachten. Doch eines Tages brach plötzlich ein Sturm los, schwarze Wolken umhüllten tuschegleich den Berggipfel, Blitze und Donnerschläge versetzten alle in grossen Schrecken. Der Meister rief in panischer Angst die über zwanzig Frauen zu sich. Sie mussten sich ausziehen und ihn umringen, wie ein Wandschirm aus Fleisch. Mehrmals drang Feuerschein in den Raum, zog sich aber gleich wieder zurück. Plötzlich packte eine Drachenkralle, so gross wie ein Besen, den Meister und zog ihn aus dem Menschenknäuel heraus. Ein Donnerschlag liess Berg und Tal erzittern, Himmel und Erde verdüsterten sich. Die Frau verlor das Bewusstsein. Als sie wie aus einem Traum erwachte, da lag sie am Rande eines Weges. Von den dort wohnenden Menschen erfuhr sie, dass sie nur einige hundert li von ihrer Heimat entfernt war. Um ihre Blössen zu bedecken, tauschte sie den Spiralreif an ihrem Arm gegen abgetragene Kleider ein und fand dann als Bettlerin den Weg zurück nach Hause. In Xinzhou leben noch Leute, die diese Frau gesehen haben. Sie hatte ein abgehärmtes Gesicht und starb bald darauf an einer Krankheit. Ihre Blutkräfte waren wohl schon von dem Dao-Meister aufgezehrt worden. Nach ihrem Bericht zu urteilen, sind sogar diejenigen unter den Alchemie und den Beischlaf mit Frauen pflegenden Meistern, die derart mächtige magische Fähigkeiten erlangt haben, vor der Strafe des Himmels nicht gefeit. Um wieviel mehr gilt das für jene, die keinen Anteil an der Überlieferung dieser Künste haben, sondern sich nur, von törichten Menschen verführt, Hoffnungen machen, einst shenxian [Unsterbliche] zu werden.

Aus dem Yuewei Caotang Biji des Ji Yun (Ji Xiaolan, 1724-1805).



Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.