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Das traurige Schicksal von Pinocchios chinesischem Vetter

Posted: Januar 19th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Ein Akademieangestellter war als Anwärter auf ein Verwaltungsamt eingestuft worden und wartete in der Provinzhauptstadt auf Verwendung. Doch seine Entsendung ließ lange auf sich warten, und so geriet er in eine schwere Notlage. Ein Vorgesetzter hatte Mitleid mit ihm und verschaffte ihm als Übergangslösung einen Posten als Polizeichef eines Landkreises. Doch als solcher agierte anmaßend und willkürlich, und in seinem Machtrausch drangsalierte er sogar seine Kollegen. Schließlich verlor er wegen einer anderen Sache sein Amt. Als der Akademierat Shao Eryun einmal darauf zu sprechen kam, berichtete er von einem Mann aus seiner Heimat. Dieser hatte beim nächtlichen Studium ein Geräusch am Fenster gehört und entdeckte, als er der Sache nachging, einen kleinen Riss im Fensterpapier, sowie zwei kleine Hände, die dabei waren, ihn zu erweitern. Die Hände waren nur so groß wie Melonenkerne. Schließlich sprang ein Männlein ins Zimmer, das ein buntes Gewand und rote Schuhe trug. Sein Haar hatte es zu zwei Knoten geflochten, es hatte ein hübsches Gesicht und war nur gut zwei Zoll groß. Am Tisch nahm es sich einen Pinsel, schwang ihn hin und her und sprang immer wieder auf den Tuschereibstein, um den Pinsel mit Tusche zu tränken, so dass die Bücher alle Flecken bekamen. Der Mann setzte sich nach seiner anfänglichen Verblüffung hin und betrachtete das Männlein längere Zeit. Schließlich kam er zu der Auffassung, dass es sonst keine besonderen Fähigkeit habe, holte mit der Hand aus und schlug nach ihm. Das Männlein stieß einen Schrei aus, als es gefangen war, krümmte sich in den Händen des Mannes und krächzte wie ein Insekt oder ein Vogel. Es hörte sich an, als ob es um sein Leben flehen würde. Der Mann hielt es in seinem Ärger über die Lampe und verbrannte es. Darauf roch es im ganzen Raum nach morschem Weidenholz, aber sonst passierte nichts. Nach langer Läuterung hatte dieses Wesen es gerade mal geschafft, eine Gestalt zu erlangen, doch es verfügte noch über keinerlei Täuschungskünste. Trotzdem beleidigte es schon mutwillig Leute und zog so das Unheil auf sich. War es nicht von derselben Art wie jener Polizeichef? Wir wissen nicht, ob sich die Geschichte wirklich ereignet hat, oder ob Shao Eryun sich einen Scherz erlaubt und sie erfunden hat. Doch als Warnung kann sie allemal dienen.

Aus dem Yuewei Caotang Biji von Ji Yun (Ji Xiaolan, 1724-1805).



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