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Von der Mädchenleiche, die einem Studenten die Socken stopfte

Posted: Januar 2nd, 2010 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , | No Comments »

Lu Shizhong – er trug den Volljährigkeitsnamen Dangke – war berühmt für seine Fähigkeit, mit Fu-Zauberzetteln Totengeister zu bezwingen. In Beamtenkreisen nannte man ihn „Lu den Vollkommenen“. Er führte stets eine Liste über das Erscheinen von Dämonen mit sich. Im 1. Jahr der Regierungsperiode Jianyuan (1127 n.Chr.) war er von der Hauptstadt nach Osten unterwegs und kam in den Kreis Lingbi. Der Kreispräfekt Bi Zao hatte sein Amt schon an einen Nachfolger übergeben, war jedoch noch nicht aufgebrochen. Sein Boot lag noch am Ufer. Als er vom Eintreffen Lus hörte, suchte er ihn auf und sagte: „Meine zweite Tochter wird von einem Totengeist gequält. Schon mehrmals habe ich Adepten und Priester des Dao gebeten, ihn zu bezwingen, doch sie ernteten nur Beschimpfungen und Beleidigungen, manche wurden sogar aus dem Haus geprügelt. Nun hat sich ihre Krankheit noch verschlimmert. Nur Ihr könnt sie noch retten. Bitte lasst Euch dazu herab, auf mein Boot zu kommen und einen Blick auf sie zu werfen!“ Lu sagte zu. Als er auf das Boot gekommen war und Platz genommen hatte, erhob sich die kranke Tochter ohne weiteres von ihrem Lager, kleidete sich an und begrüßte ihn. Dann stand sie aufmerksam an seiner Seite, ohne Anzeichen von Krankheit zu zeigen. Frohgemut sprach sie zu ihm: „Dass ich vor Euch, den Vollkommenen, treten kann, ist ein Glück, das mir der Himmel geschenkt hat. Nie hatte ich Gelegenheit, mein Herz auszuschütten und vom Kummer meines ganzen Lebens zu erzählen, doch heute wage ich es, Euch jede Einzelheit darzulegen. Ich bin das Kind unserer ersten Mutter, meine jüngere Schwester jedoch wurde von der jetzigen Mutter geboren. Gestützt auf die Vorliebe meiner Stiefmutter hat sie mich in jeder Hinsicht zurückgesetzt und beleidigt. Als wir noch in der Hauptstadt wohnten, kam jemand mit einem Heiratsangebot. Die Sache war fast abgemacht, es fehlte nur noch ein Paar goldener Haarnadeln, doch die Schwester gab sie mir nicht. So wurde nichts aus der Heirat, und ich bin vor Gram gestorben. Doch nach meinem Tod hielten mich die Beamten der Unterwelt nicht dort fest, da meine Lebensspanne noch nicht verbraucht war. Heimatlos vagabundierte meine Seele umher, bis ich zufällig die Fee der Neun Himmel traf, als sie gerade einen Ausflug machte. Ich tat ihr leid wegen des Unrechts, das mir widerfahren war, und sie vertraute mir ein geheimes Verfahren an. Als mir das Verfahren fast schon gelungen war, machte wiederum die Zweite Schwester alles zunichte. Es ist mein Pech, im Leben wie im Tod stürzt mich diese Schwester ins Unheil. Jetzt will ich mit ihr zusammen in den Tod gehen, als Vergeltung für dieses Unrecht, und auch um die Fee der Neun Himmel um Vergebung zu bitten. Eure Pflicht ist es nur, Menschen von dämonischen Einflüssen zu befreien. Doch Unrecht verlangt nach Vergeltung, dagegen ist nichts zu machen. Ich hoffe, dass Ihr nicht weiter davon sprecht.“ Lu dachte lange nach und meinte dann: „Was sie sagt, leuchtet ein.“ Zu Bi sprach er: „Ihr solltet im Guten Gebete sprechen und um Vergebung bitten, mit der Kunst des Dao ist hier nichts zu bewirken.“ Da stürzte die Tochter plötzlich zu Boden, und als man sie wieder aufgerichtet hatte, war sie so krank und schwach wie zuvor. Die Tochter, die den Gruss entboten hatte, war zwar die jüngere, aber die Worte kamen von der älteren, und diese war schon seit einigen Jahren tot. Am Tag darauf starb die zweitälteste Tochter. Lu kam zu einem Kondolenzbesuch und sprach zu ihrem Vater: „Die gestern erwähnten Windungen und Wendungen waren mir unbekannt. Allein, die Fee der Neun Himmel hat ihr dieses Verfahren doch erst nach ihrem Tod anvertraut, wie hätte die Zweitälteste es also zum Scheitern bringen sollen? Sicher weiß Eure Familie näheres darüber. Ich bitte Euch, mir nichts zu verheimlichen. Um meiner Kunst willen sollte ich über den ganzen Hergang Bescheid wissen.“ Der Präfekt Bi sagte: „Da hat es tatsächlich einmal einen absonderlichen Vorfall gegeben. Wenn ich es mir heute recht überlege, muss das der Grund sein. Nach ihrem Tod hatten wir die Älteste in einem Kloster ausserhalb der Hauptstadt vorläufig bestattet. Aus Anlass des Grabkehrens und der Opfer zum Fest der Kalten Speisen begab sich die ganze Familie dorthin. Neben den Gräbern wohnte ein Scholar. Er war nicht zuhause und hatte die Tür verschlossen. Jemand aus der Familie drang in seine Behausung ein und schaute sich heimlich in dem Raum um. Als die Zweite Tochter auf dem Tisch einen Bronzespiegel sah, rief sie, ‚Der stammt doch aus dem Sarg der Älteren Schwester – wie kommt er hierher? Er ist bestimmt gestohlen!’ Ich meinte, derartige Gegenstände seien sich doch ähnlich und würden in der Hauptstadt von vielen Händlern verkauft. Doch die Zweitälteste beharrte auf ihrer Meinung: ‚Als wir diesen Spiegel kauften, bekam jede von uns beiden Schwestern einen, und der Knoten und die Einfassung sind von meiner Hand. Das Papier, das wir verwendet haben, war das Visitenblatt des Beamten Soundso.“ Als man den Spiegel untersuchte, traf dies tatsächlich zu. Inmitten der allgemeinen Verwunderung kam der Scholar zurück. Erbost sagte er: ‚Was gibt es in der Behausung eines armen Scholaren zu sehen? Warum seid ihr hier ungefragt eingetreten?’ Die Zweitälteste sagte: ‚Du hast einen Sarg aufgebrochen und Dinge daraus entwendet. Hier ist das Diebesgut! Wir sind gekommen, um den Täter festzunehmen!’ Dann legten wir ihn in Fesseln. Der Scholar berichtete darauf: ‚Vor einem halben Jahr saß ich nachts da und studierte, als eine Frau anklopfte und sagte, ihre Schwiegermutter habe sie im Zorn zu ihren Eltern zurückgeschickt, doch die wohnten innerhalb der Stadtmauern, so dass sie jetzt nicht hinkommen könne; deswegen bitte sie um Unterkunft für eine Nacht. Sie weinte bitterlich und kam so wie von selbst in meinen Besitz. Wir waren uns in Liebe zugetan. Von da an kam sie jede Nacht, manchmal auch am Tage. Eines Tages ordnete ich, übers Wasser gebeugt, mein Haar. Als sie das sah, meinte sie lächelnd: ‚Hast Du keinen Spiegel? Ich habe zufällig einen.’ Darauf holte sie ihn und schenkte ihn mir. Es war dieser da! Oft nimmt sie auch Kleidungsstücke mit und flickt sie. Doch sie wollte nie sagen, aus welcher Familie sie stammt. Als wir uns gestern sahen, erzählte sie: ‚Morgen trifft sich meine Familie mit Verwandten und Gästen, da muss ich mich um sie kümmern und kann nicht herkommen. In der Nacht darauf werde ich wieder da sein’. Dann ging sie. Heute morgen wurde ich meiner Einsamkeit überdrüssig und machte einen Spaziergang durchs freie Gelände, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich rechnete nicht damit, dass Ihr meine Wohnung betreten würdet.’ Als sie das gehört hatte, weinte meine ganze Familie, nur die Zweitälteste sagte: ‚Der Bursche lügt, wir müssen den Sarg öffnen und der Sache auf den Grund gehen.’ Darauf ging man mit ihm zu dem Grab, um nachzusehen. An der Rückseite des Aussensarges klaffte ein Spalt, groß genug für eine Hand. Nach dem Entfernen einiger Ziegel wurde der Holzsarg sichtbar. Dessen große Nägel waren alle gut einen Zoll weit gelockert. Als wir den Deckel abgenommen hatte, sahen wir die Älteste mit übergeschlagenen Beinen darin sitzen. Sie nähte gerade am Turbantuch eines Mannes. Von der Taille abwärts war ihr neues Fleisch gewachsen, ihre Haut war warm und weich. Oberhalb der Taille war die Leiche wächsern und ausgetrocknet. Da bedauerten wir unser Vorgehen. Wir schlossen den Sarg wieder, ließen den Scholaren frei und sagten ihm, er solle aus dem Kloster ausziehen. Das ist wohl schon gut drei Jahre her. Was die Fee der Neun Himmel betrifft – könnte es sich da nicht um die ‚Rückkehr des Skeletts und Auferstehung vom Tod’ handeln, von der bei den Daoisten die Rede ist, bei der für die Rückkehr ins Leben ein langes Zusammensein mit einem lebendigen Menschen notwendig ist? Wenn so etwas ans Licht kommt, dann kann der Vorgang nicht fortgesetzt werden, und aufgedeckt wurde alles ja von der Zweitältesten. Könnte dies nicht mit dem ‚Zunichtemachen des Verfahrens’ gemeint gewesen sein?“ All dies versetzte auch Herrn Lu in höchstes Erstaunen. Als er in Shanyang vorbeikam, erzählte er Guo Tongsheng davon. Mitgeteilt durch Guo Tongshengs Sohn Guo Duo.

Aus dem Yijian zhi des Hong Mai (1123-1202). Ediert von He Zhuo. Peking: Zhonghua Shuju, Neuauflage 2006. Band 1, S.237 f. Erstveröffentlichung in Hefte für Ostasiatische Literatur Nr.45 (November 2008), S.82-85.



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