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Traktat zur Bücherausleihe durch den jungen Herrn Huang

Posted: Dezember 15th, 2009 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: | No Comments »

Als Huang Yunxiu, ein junger Mann, sich Bücher ausleihen wollte, überließ sie ihm der Herr des Sui-Gartens und teilte ihm mit:
Man liest nur die Bücher, die man sich ausleiht. Hat er nicht von den Büchersammlern gehört? Die Sieben Kataloge und die Sammlung Siku Quanshu, das sind die Bücher der Kaiser, aber wieviele Kaiser gab es schon, die Bücher lasen? „Bücherladungen, die Ochsen zum Schwitzen bringen“ und ganze Räume füllen, das sind die Bücher der Reichen und Hochgestellten, aber wieviele Reiche und Hochgestellte lesen schon Bücher? Ganz zu schweigen von den Fällen, wo die Großväter und Väter Bücher angesammelt haben, und die Söhne und Enkel sie mit Nichtachtung strafen.
Nicht nur bei Büchern ist das so, es gilt für alle Dinge auf der Welt. Wenn sich einer etwas, was ihm nicht gehört, mit Mühe ausborgen konnte, dann sorgt er sich, dass es wieder zurückverlangt wird, und er wird es in einem fort ängstlich streicheln und sich an ihm erfreuen. Er sagt sich: Heute ist es da, morgen ist es fort, und ich werde es dann nie mehr zu sehen bekommen. Wenn es schon ihm selbst gehörte, dann würde er es an einer hohen Stelle sicher verwahren und sich sagen: Es eilt nicht, ich kann es ja später einmal betrachten.
In meiner Jugend liebte ich Bücher sehr, doch ich war arm und kam nicht an sie heran. Ein Mann namens Zhang hatte einen großen Schatz an Büchern angesammelt. Ich ging zu ihm, um mir welche auszuleihen, doch er gab mir keine. Zurück zu Hause erschienen sie mir sogar im Traum, so stark war mein Verlangen. Deswegen durchdrang und memorierte ich alle Bücher, die ich zu lesen bekam. Nachdem ich Beamter geworden war, da wanderte mein Gehalt weg von mir und die Bücher wanderten her zu mir, sie stapelten sich überall, doch sie waren bedeckt von fahlen Büchermaden, Staub und Spinnweben. Da wurde mir schmerzlich bewusst, welche Konzentration man als Bücherausleiher aufbringt, und wie kostbar die Zeit der Jugend ist.
Heute ist der junge Huang ebenso arm wie ich damals, und wie ich strebt er danach, sich Bücher zu borgen. Nur meine Bereitschaft, andere an meinen Büchern teilhaben zu lassen, die unterscheidet sich doch wohl vom Büchergeiz jenes Herrn Zhang. Aber war es nun tatsächlich Pech, dass ich auf jenen Zhang traf, und ist es tatsächlich ein Glück für den jungen Mann, dass er auf mich trifft? Wenn er sich klar darüber ist, was Glück ist und was Pech, dann wird er die Bücher mit hoher Konzentration lesen und sie bald zurückbringen.
Dazu schrieb ich dieses Traktat und ließ es zu den Büchern legen.

Von Yuan Mei (1716-1797).



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