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Bericht über einen Schlangenfänger

Posted: Dezember 11th, 2009 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: | No Comments »

In Yongzhou kommt auf dem Lande eine sonderbare Art von schwarzen Schlangen mit weißer Zeichnung vor. Gräser und Bäume sterben ab, wenn sie von ihnen berührt werden, und für Menschen, die von ihnen gebissen werden, gibt es kein Gegenmittel. Doch wenn man sie fängt und an der Luft trocknet, um sie als Medizin zu verwenden, dann können sie Aussatz, Gelenkkrümmungen, Halsgeschwülste und Geschwüre heilen, sowie faules Fleisch beseitigen und Parasiten abtöten. Das Hofärztliche Amt hatte einst auf höchsten Befehl veranlasst, sie zu sammeln. Zweimal jährlich waren sie einzuziehen. Man hatte nach Leuten gesucht, die sie fangen konnten, und diesen sollten stattdessen die Steuern erlassen werden. In Yongzhou wetteiferte man darum.
Ein Mann namens Jiang genoss nun dieses Privileg schon in der dritten Generation. Als ich ihn dazu befragte, meinte er: „Mein Großvater ist dabei zu Tode gekommen, mein Vater ist dabei zu Tode gekommen, und ich selbst bin, seit ich vor zwölf Jahren ihr Erbe antrat, schon mehrmals dabei fast gestorben.“ Nach diesen Worten machte er einen sehr betrübten Eindruck.
Ich hatte Mitleid mit ihm und sagte: „Bist du es leid? Dann kann ich bei der Behörde ein Wort einlegen, dass dein Frondienst umgewandelt wird und du wieder Steuern abführen kannst. Wie wäre das?“ Da befiel Jiang Entsetzen, und er sagte unter Tränen: „Habt Ihr denn Mitleid mit mir und wollt mein Leben retten? Nun, das Unglück dieser meiner Fron ist nicht so groß wie das Unglück, das eine Rückkehr zu den Steuern bedeuten würde. Wenn ich nicht diesen Frondienst hätte, dann läge ich schon längst krank und erschöpft darnieder. Meine Familie ist nun seit drei Generationen hier ansässig, und in diesen sechzig Jahren ist das Los der Menschen hier immer schwerer geworden. Wenn zu Ende geht, was ihre Felder hergeben, wenn ihre Einnahmen verbraucht sind, dann ziehen sie unter Wehklagen an einen anderen Ort. Hungernd und dürstend straucheln sie, Wind und Wetter ausgesetzt, in Hitze und Kälte, Pesthauch atmend, so dass ein Sterbender neben dem anderen zu Boden sinkt. Von zehn Nachbarfamilien meines Großvaters ist kaum eine noch da, von zehn Nachbarfamilien meines Vaters sind kaum noch zwei oder drei da, und von zehn meiner eigenen Nachbarn von vor zwölf Jahren sind kaum noch vier oder fünf übrig. Sie sind entweder tot oder fortgezogen. Ich aber, der Schlangenfänger, bin noch da. Wenn die unbarmherzigen Steuereintreiber kommen, dann lärmen sie vor und hinter meinem Haus, links und rechts von meinem Haus gibt es solches Geschrei und solchen Tumult, so dass nicht einmal die Hühner und Hunde Ruhe finden. Dann steige ich voller Bangen aus dem Bett und schaue im Bottich nach, ob die Schlangen noch da sind. Dann lege ich mich beruhigt wieder nieder. Ich füttere sie mit Bedacht, und wenn die Zeit gekommen ist, dann liefere ich sie ab. Danach komme ich zurück und esse mit Genuss, was auf den Feldern wächst, um so meine vollen Lebensjahre auszuschöpfen. Jedes Jahr sehe ich also zweimal dem Tod ins Auge, die übrige Zeit verbringe ich glücklich und zufrieden. Wie wäre das zu vergleichen mit dem Schrecken, den meine Nachbarn Tag für Tag erdulden? Selbst wenn ich jetzt stürbe, dann käme mein Tod schon später als der meiner Nachbarn. Wie könnte ich es also wagen dessen leid zu sein?“
Als ich das vernommen hatte, wurde meine Betrübnis noch größer. Konfuzius hat gesagt: „Unbarmherzige Regierung ist schlimmer als es die Tiger sind.“ Früher hatte ich daran meine Zweifel. Doch wenn ich es jetzt vom Beispiel des Jiang her betrachte, dann ist es wahr. Ach! Wer hätte gedacht, dass die Steuern und Abgaben noch mörderischer sind als das Gift jener Schlangen! So habe ich diesen Bericht verfasst, damit er Verwendung findet, wenn jemand kommt, um die Lebensverhältnisse des Volkes zu studieren.

Von Liu Zongyuan (773–819).



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