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Drei Männer und eine Frau

Posted: November 16th, 2021 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Comments Off
Shen Congwen
Drei Männer und eine Frau
Weil es regnet, wollen meine Freunde, dass ich eine Geschichte erzähle, in
der es regnet. Diese ist die gewöhnlichste unter ihnen. Wenn sie nicht allzu
herzergreifend ist, dann liegt das daran, dass sie zu real ist. Wir wissen alle,
dass das Schöne in der Regel nicht real ist. Der Regenbogen am Himmel
und die Träume im Schlaf mögen als Beispiele dienen.
Kein Mensch weiß, warum es bei der Armee immer regnet, wenn man
marschiert.
Wir konnten den Grund selber auch nicht finden. Vielleicht kennt ihn
der Versorgungsoffizier des Regiments. Denn wenn man nicht bei Regen
marschiert, werden weniger geflochtene Sandalen benötigt, wenn es aber
regnet, dann steigt die Abnutzung der Sandalen. Märsche bei Regen sind
vielleicht  von  Vorteil  für  die  Versorgungsabteilung.  Bei  solchen  Dingen
blickten wir nicht durch, das war immer kompliziert, der Regimentskom-
mandeur wusste auch nichts davon, weil er Lederstiefel trug. Aber jedes
Mal, wenn wir aufbrachen, stand das in engem Zusammenhang mit Regen,
das hatten wir im Lauf dieses Jahres herausgefunden.
Wenn es bei starkem Regen ein Gefecht gab, dann mussten die Leute
ran. Deswegen hatten wir keinen Grund uns zu beklagen, wenn wir im Re-
gen nur marschierten. Der Regen hörte ja zwischendurch immer mal auf, so
blieb das Ölzeug der Truppe intakt. Die Adjutanten, die den nächsten Halt
vorbereiteten, nahmen nie den Regen als Vorwand, um uns kein Essen zu-
zubereiten.  Unser  Bataillonskommandeur  war  beritten  und  hatte  keine
Angst, Malaria zu kriegen, selbst wenn er völlig durchnässt wurde. Wenn
wir im Regen Bambuswälder durchquerten oder in einer Schilfhütte am
Fluss auf ein Boot warteten, dann sah auch die Landschaft wirklich viel
schöner aus als gewöhnlich.
Wenn es regnete, gab es besonders viel Schlamm, aber der rutschige
weite Weg bedrückte einen nicht so sehr. Weil es regnete, wurde unser täg-
liches Marschpensum verringert, wir konnten dann, wenn es sich ergab, un-55
ter einem Vorwand in Häuser gehen, in denen es junge Frauen gab, ein paar
Scherzworte mit ihnen wechseln und lachen, und aus Bast geflochtenen Re-
genschutz erbetteln, den wir uns um die Beine wickelten. Weil es regnete,
war alles etwas zwangloser, wir konnten unsere Füße im gleichen Bottich
waschen wie der Bataillonskommandeur, ganz außerhalb jeder Militärdis-
ziplin. Sonst bekam man damals nicht so leicht die Gelegenheit dazu!
Nach vier Tagen Marsch erreichten wir den Ort, den wir erreichen woll-
ten. Das Wetter war sehr amüsant – als die Truppe ihr Ziel erreicht hatte,
klarte es plötzlich auf und die Sonne kam heraus. Viele machten sich sicher
über die Sonne lustig, meinten, dass sie ihre Spielchen mit uns spielte. Gut,
da konnten wir nicht viel machen, wir waren jetzt hierher verlegt worden,
um diesen Ort zu halten, die Truppe, die ursprünglich hier stationiert war,
war schon weitergezogen. Uns hatte man hierher verlegt, um die Lücke zu
füllen, und das öde Zeug, das die anderen erledigt hatten, mussten jetzt wir
erledigen.
Als  die  Abendsonne  uns  von  einem  rotglühenden  Himmel beschien,
blieb unser ganzes Bataillon an diesem Ort. Das andere Bataillon verbrach-
te zwar die Nacht noch hier, musste aber am nächsten Tag zu einem 15 Mei-
len entfernten Marktflecken weitermarschieren. Diese Leute, die morgen
aufbrechen mussten, hatten sich alle in Herbergen und privaten Haushalten
einquartiert, wir dagegen mussten uns eine Bleibe suchen. Weil die anderen
Einheiten schon verteilt waren, sollten wir unser Fähnchen im Ahnentem-
pel  der  Familie  Yang  aufpflanzen,  aber  keiner  in  der  ganzen  Kompanie
wusste, wo dieser Ahnentempel war, und wir fragten in den Straßen bei den
Soldaten der anderen Kompanie nach.
Es stellte sich heraus, dass es zwei Ahnentempel der Familie Yang gab.
Wir hatten die längste Zeit gesucht, aber wohl den falschen Ahnentempel
gefunden. Denn der war zu klein und zu schlecht erhalten, innen war er eine
totale Ruine. Aber unser Kompaniechef war etwas gereizt, seine werten
Füße hatten keine Lust, noch einen Schritt weiterzugehen. Er meinte, nach-
dem das hier ja frei war, könnten wir erst einmal hier rasten und dann je-
mand losschicken, der sich weiter durchfragte. Wir waren den ganzen Tag
marschiert und sahen viele Soldaten, die bei der Bevölkerung übernachte-
ten, die in hölzernen Becken ihre Füße wuschen oder schnurstracks mit ih-
rem Trockenfisch in die Küche gingen. Müde und hungrig wie sie waren,
hatten sie Unterschlupf gefunden, nur wir irrten noch in den Straßen herum
wie heimatlose Nomaden. Jetzt hatten wir immerhin einen Ort, wo wir uns
ausruhen konnten, und es wurde ja bald Nacht, also machte sich keiner was
draus. Wir stellten in den äußeren Korridoren des Tempels unsere Gewehre 56
zusammen, und viele von uns saßen miteinander am Fuß der Steinlöwen
und ließen alle Last von sich abfallen.
Ein junger Trompeter hatte irgendwo einen Flaschenkürbis mit Brannt-
wein ergattert und zog sich an eine Stelle an der Wand zurück, wo er begie-
rig trank. Einige Kameraden sahen das und versuchten, ihm den Flaschen-
kürbis zu entreißen, doch der ging zu Bruch und der Schnaps war überall
auf dem nassen Boden verspritzt. Der Trompeter geriet in Wut, beschimpfte
die anderen und prügelte auf sie ein.
Dem  Kompaniechef  fiel  angesichts  dieses  Gerangels  die  eigentliche
Funktion des Trompeters ein, und er ließ ihn ein Fragesignal an das Regi-
ment trompeten. Er stieg auf einen der Steinlöwen, hielt sich mit der einen
Hand an dem von der Abendsonne beschienenen Löwen fest, nahm mit der
anderen Hand seine kurze Signaltrompete aus Kupferblech und blies die
Melodie. Wie die hohen und tiefen Töne in der Abendbrise schwangen, das
war sehr bewegend.
Das Abendrot überzog den Himmel, über den Dächern der Einwohner
kringelte sich weißer Rauch, und viele junge Frauen standen staunend unter
den Dachtraufen, in ihren frisch gewaschenen und gestärkten blassblauen
Gewändern, vor der Brust eine bestickte Schürze, ein Kind im Arm, und be-
trachteten aus der Ferne dieses Schauspiel.
Als der Trompeter geblasen hatte, bekam er das Antwortsignal von der
in  einem  Bergtempel  stationierten  Regimentskommandantur.  Der  Kom-
paniechef ließ den Trompeter nochmals blasen, um nachzufragen, ob die
Kompanie in diesem Ahnentempel bleiben solle. Die Antwort stellte den
Kompaniechef nicht zufrieden, so dass der Trompeter ein drittes Mal seine
Backen aufblasen und ein Signal übermitteln musste.
Vom Südende der Straße kamen zwei stattliche Hunde gelaufen, mit gu-
tem weißen Fell und klugen Augen, wie Zwillinge standen sie da vor den
Leuten. Sie wussten anscheinend, dass in dem Tempel etwas vorging, und
waren gekommen um nachzusehen.
Dieses Hundepaar löste bei uns wilde Fantasien aus. Für gewöhnlich
rief, gleich wo wir hinkamen, der Anblick eines gut im Fleisch stehenden
Hundes Mordgelüste bei uns aus, die schwer zu unterdrücken waren. Aber
eine so klare wie zerbrechliche Frauenstimme lenkte uns ab, die nach »Da-
bai« und »Erbai« (»Großer Weißer« und »Zweiter Weißer«) rief, worauf
die Hunde sehr verständig zu uns herüberschauten, wohl wissend, dass hier
ihres Bleibens nicht war, und nach Hause liefen.
Es war bald Nacht, der Himmel voll roten Gewölks.
Dann gab es bei uns einen unerwarteten Zwischenfall. Der Trompeter 57
war den ganzen Tag marschiert, und während sich die anderen jetzt zum
Ausruhen niedersetzen konnten, musste er auf einen der von der Abendson-
ne beschienenen Steinlöwen klettern und wieder und wieder seine Trompe-
te blasen, bis ihm die Beine steif und taub wurden. Dann sprang er herunter,
aber seine Beine konnten sein Gewicht nicht mehr abfedern, er strauchelte
und tat sich dabei so weh, dass er nicht mehr hochkam. Er hatte sich beide
Füße so verrenkt, dass er nicht mehr normal gehen konnte.
Der Trompeter kam aus meiner Heimat, aus dem gleichen Wehrdorf,
wir waren Sommers im selben Fluss geschwommen und hatten im selben
Wald Matsutake-Pilze gesammelt, und jetzt war es wohl an mir, sich um ihn
zu kümmern.
Wenn  einem  Zwanzigjährigen  so  ein  Unglück  widerfährt,  was  sollte
man dazu sagen! Weil der Kompaniechef auch aus unserer Gegend kam,
entband er ihn nicht von seinem Trompeterposten, aber wegen dieses Miss-
geschicks war der Trompeter jetzt ganz in  seiner Funktion gefangen,  er
würde nie mehr wie andere Trompeter eine Chance bekommen, sich auf der
Kaderschule fortzubilden und dann aufzusteigen. Er war nicht mehr quali-
fiziert, am Kampf gegen die Banditen und derlei Dingen teilzuhaben, er
konnte nicht mehr wie andere Soldaten nachts über die Lehmwände klet-
tern, um Rendezvous mit den Frauen des Dorfs zu haben. Mit einem Wort,
alle Privilegien seines Lebens waren weg, unwiederbringlich verloren.
Weil ich aus seiner Heimat kam, kümmerte ich mich ganz besonders um
den Burschen. Ich war damals Gruppenführer, und so nahm ich ihn in mein
Zelt auf. Er stand nach wie vor in der ersten Dämmerung auf, zog ordentlich
seine Uniform an, stieg auf die Stufen des Ahnentempels und blies die Re-
veille, nach zehn Minuten dann zum Appell, und dann noch eine Melodie.
Um acht blies er zum Exerzieren, um zehn dann zum Ende des Exerzierens.
Und noch viel mehr blies er, er erlaubte sich keine Nachlässigkeit. In den
zwei Wochen seit die Truppe hier Quartier genommen hatte, wurde über-
haupt nicht mehr exerziert, aber der Trompeter hatte trotzdem streng nach
der Regel seiner Pflicht nachzukommen. Jedes Mal, wenn er zum Blasen
ging, musste ich ihn stützen. Hatte ich gerade keine Zeit dafür, dann half
einer der diensthabenden Köche aus.
Wir hofften alle, dass es langsam mit ihm besser würde. Der Regiments-
chirurg  machte  dem  Unglücklichen  sehr  glaubhafte  Versicherungen.  An
beiden Beinen ließ ihn der Regimentsarzt zur Ader, massierte ihn und koch-
te ihm eine Menge Tinkturen, zum Schluss wurden seine Beine noch ge-
schient. Ein Tag um den anderen verging, doch es zeigte sich keine Besse-
rung. Wir waren alle etwas verzweifelt, nur er selbst verzweifelte nie.58
Alles würde wieder gut, wenn ihm nach zwei Monaten die Schienen ab-
genommen würden, dann könne er am Feld den Hasen nachjagen. Der alte
Regimentsarzt lächelte, als er das hörte, denn er wusste, dass es für den
Burschen keine Hoffnung gab, so etwas je wieder zu tun. Aber er folgte da-
bei den ärztlichen Regeln, selbst das Gesetz erlaubt diesen Leuten ja zu lü-
gen. So gestand er dem Trompeter alles Mögliche zu, manchmal sogar noch
weiter hergeholte Sachen als die Verfolgung von Hasen.
Nach zwei Monaten gab es immer noch keinerlei Besserung für den jun-
gen Mann. Zwar waren die Schwellungen zurückgegangen und es war kei-
ne Blutvergiftung mehr zu befürchten, auch kein Austritt von Eiter, aber
trotzdem war der Trompeter jetzt vollends ein Krüppel. Er brauchte nicht
mehr versorgt zu werden und erledigte seinen Dienst mit voller Kraft. Im-
mer noch wohnte er in meinem Zelt, und so entstand zwischen uns eine
enge Freundschaft.
In dem Ort, in dem wir stationiert waren, war nicht viel los, aber vergli-
chen mit den Städtchen am Xiang-Fluss hatte er doch seinen eigenen Cha-
rakter.  Es  gab  nur  drei  Straßen,  und  der  Trommelturm  im  Zentrum  be-
herrschte das Ortsbild. Wie anderswo gab es hier Apotheken und Opium-
höhlen, es gab Spielhöllen und Wirtshäuser. Ich verbrachte fast alle Tage
mit dem behinderten Trompeter, wir gingen zusammen aus, unterstützten
uns gegenseitig beim Trinken, und beim Spiel teilten wir Gewinne und Ver-
luste.
Solange  unsere  Truppe  nicht  weitermarschierte,  konnte  der  Bursche
nach wie vor das Soldatenleben genießen. An allem, was ein Soldat so trieb,
hatte auch er Anteil. Wenn er zu den jungen Frauen ging, trauten sich die
nicht, ihn schlecht zu behandeln. Wenn er am Spieltisch mit fünf Groschen
Einsatz Einundzwanzig spielte, genierten sich die anderen, ihn übers Ohr
zu  hauen.  Beim  Trompetenblasen  hatte  früher  niemand  an  ihn  herange-
reicht, und auch jetzt übertraf ihn niemand. Alle wussten von seinem Un-
glück und alle halfen ihm.
Doch in mancher Hinsicht sah ich doch eine Wesensveränderung bei
ihm. Er war immer noch Trompeter, aber eigentlich hatte ein Trompeter
eine besondere Liebe zu seinem Instrument und hatte es überall dabei. Er
hatte ein flinker, lebhafter und zupackender Mensch zu sein. An manchen
Tagen  kletterte  er  beim  ersten  Morgenlicht  auf  einen  Berg  oder  einen
Wachtturm, um zu üben, und nachts blies ein Trompeter im Mondschein
seine Melodien, und ein Trompeter der anderen Kompanie in der Ferne
stimmte darin ein. Die Trompeter der anderen Kompanien paradierten an
Markttagen in ihren schmucken Uniformen auf dem Platz und beeindruck-59
ten die Leute. Manchmal lachte ihnen das Glück, und sie erregten das Inte-
resse der Frauen, die mit heller Stirn und leuchtenden schwarzen Augen
hinter den halbhohen Türen hervorlugten. Außerdem konnte einer, wenn er
gut zu Fuß war, mit der Trompete auf einen Berg steigen und blasen, und
eine Horde Kinder würde schüchtern einen Ring um ihn bilden und die
Kunst dieser großen Persönlichkeit genießen. So würde ein vertrautes Ver-
hältnis mit ihnen entstehen, er würde viele kleine Freunde gewinnen.
Aber mit all den Rechten des Trompeterdaseins war es jetzt vorbei. Was
ihm blieb, waren die wenigen Pflichten, die mit seiner Funktion verbunden
waren. Aus dem früher lebhaften und aufgeschlossenen Burschen war ein
irgendwie  trübseliger,  mitleiderregender  Mensch  geworden.  Seine  Füße
waren verkrüppelt. Der Kompaniechef rief ihn vor versammelter Mann-
schaft den »Krüppel« und die Kameraden setzten »Krüppel« neben seinen
Namen, weil damit gleich klar war, wen man meinte. Selbst die Köche der
Kompanie nahmen es sich heraus, geringschätzig von ihm zu reden und äff-
ten hinter seinem Rücken seinen Gang nach.
Zu Anfang erfüllte er seine Trompeterpflichten noch ganz wie ein Ge-
sunder, stand pünktlich vor dem Tempeltor oder auf den Steinstufen vor der
Halle und blies mit Inbrunst seine Trompete. Später bekam dann die Kom-
panie einen jungen Gehilfen für ihn, und als der alle Melodien einigerma-
ßen richtig beherrschte, wurde der Trompeter selbst nur noch selten in die
Pflicht genommen.
Er wanderte jeden Tag mit mir zu einem Doufumacher in der Südstraße.
Dort saßen wir auf einer langen Holzbank und schauten dem jungen Inha-
ber dabei zu, wie er die Bohnenmilch herauspresste und Doufu (Tofu) her-
stellte. Gegenüber gab es eine Posthalterei, ein ansehnlicheres Haus als alle
die Läden im Ort. Man konnte im Hausinneren Kalligraphien und Rollbil-
der an den braun glänzenden Holzwänden hängen sehen, darunter reichlich
Paare von goldbesprenkelten vertikalen Sinnsprüchen. An unserem ersten
Tag schon sahen wir, dass die beiden weißen Hunde dort gehalten wurden.
Sie hockten jeden Tag vor dem Tor, und wenn jemand kam, den sie kannten,
spielten sie mit ihm. Bis jemand sie rief, dann liefen sie schnell in den In-
nenhof, wo ein Bassin mit Goldfischen stand.
Lungerten wir den ganzen Tag in dem Laden herum, nur um eine Schale
Bohnenmilch zu schnorren? Wollten wir wirklich mit dem jungen Besitzer
Brüderschaft schließen und stellten uns deshalb auf guten Fuß mit ihm?
Es gab einen anderen Grund, warum wir herkamen. Allerdings, von
uns zweien war der eine ein Krüppel, den anderen hatte man zum Grup-
penführer gemacht. Der konnte zwar aus dem Glied treten und einen Na-60
mensappell  befehlen,  er  hatte  unter  seinen  Kameraden  eine  gewisse
Machtbefugnis, auch für die Offiziere hatte er Machtbefugnis, fast wie ein
Reserveoffizier, er konnte die Köche seiner Gruppe nach Herzenslust zu-
sammenscheißen und so seiner schlechten Laune Luft verschaffen. Aber
sobald er draußen war, was blieb da von der Autorität eines Gruppenfüh-
rers? Eine Kompanie hatte zehn oder zwölf Gruppenführer, ein Bataillon
hatte deren sechsunddreißig, ein Regiment hatte über hundert von ihnen.
Die Schulterklappe eines Gruppenführers brachte uns nur etwas mehr Ver-
antwortung. Viele Vorteile, die der einfache Soldat hatte, hatte man als
Gruppenführer nicht mehr. Ein Soldat konnte sich gehen lassen, ein Grup-
penführer durfte das nicht. Wenn einer gewusst hätte, was im Gefecht die
Pflichten eines Gruppenführers waren, verglichen mit einem Zugführer –
der Gruppenführer hätte ihm Leid getan. Wenn ich hierher kam, war mir
der  Gruppenführer  egal,  hier  in  der  Doufumacherei  maßte  ich  mir  die
Rechte eines einfachen Soldaten an. Tag für Tag lehnten wir die Schale
Bohnenmilch aus der Hand des kräftigen Junggesellen nicht ab. Aber die
Bohnenmilch war es nicht, warum wir hier waren. Wir hatten die zwei wei-
ßen Hunde ins Herz geschlossen. Und die Herrin der beiden Hunde. Krät-
zige Kröten mit Appetit auf Schwanenfleisch – das traf genau auf uns beide
zu.
Dieses Mädchen war ein Lebewesen für sich! Wir hatten in unserem Le-
ben noch nie eine wie sie gesehen. Ich hatte eine Menge Nebenfrauen von
Divisionskommandeuren gesehen und eine Menge Studentinnen. Erstere
waren ursprünglich Singmädchen, und wenn sie heirateten, sahen sie wie-
der wie Singmädchen aus. Letztere waren so kräftig bebaut, dass wir es mit
der Angst bekamen. Sie rannten, machten Ballspiele und andere Sachen,
die uns nie eingefallen wären, Wasserbüffel wurden aus ihnen, da war kei-
nerlei Eleganz, keine zierliche Figur. Wir wussten nicht zu sagen, woran es
bei diesem Mädchen lag, aber für uns war sie eine schöne Blüte, eine Fee.
Wir hielten uns einerseits an die Kasernendisziplin, aber wir gehorchten
auch unseren Bedürfnissen. Wir trauten uns in diesem Ort nicht, über die
Stränge zu schlagen, aber jeden Tag saßen wir in dem Doufuladen. Wir
plauderten mit dem jungen Inhaber, halfen ihm, den Mahlstein zu drehen,
die Sojamilch umzugießen und das Doufu abzupacken, aber gleichzeitig
hofften wir darauf, dass das Mädchen herauskam, damit wir ihre Erschei-
nung  sehen  konnten.  Oft  erspähten  wir  nur  einen  Flecken  ihres  weißen
Kleids beim Goldfischbassin, dann pochte schon unser Herz und das Blut
schoss uns durch die Adern. Jeden Tag kauften wir alle möglichen Lecke-
reien, um die Hunde für uns zu gewinnen. Erst schnüffelten die beiden Kre-61
aturen nur kurz daran und trollten sich dann, als hätten sie unsere Hinterab-
sicht erraten. Als aber der Doufumacher ihnen die Sachen hinwarf, da sahen
sie erst ihn an und fraßen dann, als ob sie verstanden hätten, dass es sich
nicht um Giftköder handelte.
Warum wir so viel Mühe auf diese hoffnungslose Sache verwendeten,
das wussten wir selbst nicht. In unserer Position konnten wir wohl Freund-
schaft mit den Hunden dieses Haushalts schließen, aber ihrer Herrin wür-
den wir trotzdem nie näherkommen. Das war das Haus des Posthalters, der
einzigen  Respektsperson  dieses  kleinen  Ortes,  er  war  Vorsitzender  der
Handelskammer, und sein Geschäft diente unserer Einheit als Umtausch-
stelle. Er gab öfters Einladungen, und seine Gäste waren durchwegs dis-
tinguierte Leute, wie der Regimentskommandeur, der Bataillonskomman-
deur, der Militärrichter und der Quartiermeister. Alle kamen sie. Oft sah
man auch, dass der Versorgungsoffizier des Bataillons und sein Sekretär
in das Geschäft kamen und mit dem Hausherrn tafelten und Karten spiel-
ten.
Vom  Inhaber  des  Doufuladens  wussten  wir,  dass  das  Mädchen  die
jüngste Tochter des Handelskammervorsitzenden war, und erst fünfzehn
Jahre alt. Wir wussten, dass es hoffnungslos war, aber trotzdem kamen wir
jeden Tag in den Doufuladen, um darauf zu warten, dass die verhätschelte
junge Dame aus dem Haus kam. Nur einmal wollten wir ihr leuchtend schö-
nes Gesicht sehen, dann war das für uns ein glücklicher Tag. Selbst wenn
wir sie den ganzen Tag nicht sehen konnten, dann war es schon ein Trost
für uns, ihr zartes Stimmchen zu hören, wenn sie ihre beiden Hunde rief:
»Dabai, Erbai!« Geistesabwesend starrten wir zu dem Fischbassin hinüber,
weil dort öfters ein weißes oder grünes Stück Stoff aufblitzte. Dann wussten
wir, dass sie sich im Innenhof die Zeit vertrieb.
Nach einiger Zeit wurden die Hunde zu unseren Freunden. Wenn sie uns
sahen, kamen sie ganz vorsichtig zum Doufuladen, um mit uns zu spielen.
Wir  liebten  diese  Kreaturen  und  hassten  sie  zugleich,  denn  mitten  im
schönsten Spiel bedurfte es nur eines Rufes, und die beiden liefen zurück.
Aber diese Tiere waren so brav, so klug. Kein Hund schloss jemals Freund-
schaft mit Soldaten, sie waren immer seine Todfeinde. Entweder nutzte der
Hund  eine  Gelegenheit  anzugreifen,  oder  er  nahm  Reißaus.  Doch  diese
Hunde waren wirklich unsere Freunde geworden.
Der Inhaber des Doufuladens war ein kräftiger Bursche, der nicht viel
redete. Er war täglich munter bei der Arbeit und machte mit jedem Geschäf-
te, abends schloss er die Tür und schlief. Wie es aussah, kümmerte er sich
um nichts als um sein Gewerbe, er kam auch kaum herum. Anfangs wuss-62
ten wir nicht, wann er überhaupt aß und wann er wegging, um Sojabohnen
für  sein  Doufu  einzukaufen.  Er  war  schweigsam,  aber  wenn  ein  Kunde
kam, stand er ohne Nachlässigkeit Rede und Antwort. Auf alle unsere Fra-
gen gab er zufriedenstellende Auskunft.
Einmal luden wir ihn ins Gasthaus ein, da war er, als es ans Bezahlen
ging, schon vorher an der Theke gewesen und hatte die Rechnung begli-
chen. Als wir ihn zum zweiten Mal einluden, ließ er ohne weiteres uns be-
zahlen.
Wir wussten nur, dass er vom Land hierher gezogen war. Manchmal ka-
men Verwandte aus seinem Dorf in den Doufuladen, die nicht wirkten, als
ob sie besonders arm wären. Sein Geschäft lief nicht schlecht, so dass er
nach Hause schickte, was er zur Seite legen konnte. Als wir ihn fragten, ob
er sich nicht eine Frau zulegen wolle, lächelte er nur und schwieg. Er konn-
te etwas singen, hatte eine bessere, höhere Stimme als jeder in unserem Ba-
taillon. Er spielte Xiangqi, chinesisches Schach, und Aufschriften auf den
Spielsteinen, wie »Wagen«, »Ross«, »Elefant« oder »Soldat« konnte er klar
unterscheiden, obwohl er Analphabet war. Er benutzte für seine Geschäfte
keine Rechnungsbücher, aber was angeschrieben wurde, das konnte er sich
irgendwie notieren oder merken, ohne dass ihm ein Fehler unterlief. Uns
betrachtete er als seine Freunde, er war vor uns nicht auf der Hut, schmei-
chelte sich aber auch nicht ein. Wir kamen anscheinend nur in seinen La-
den, um nach dem Töchterchen des Handelskammervorsitzenden Ausschau
zu halten, aber ohne das gute Verhältnis mit dem Inhaber hätten wir uns
kaum bei Regen wie Sonnenschein dort herumgetrieben.
Wenn ich bei meinen Plaudereien mit meinem Trompeterkameraden im
Doufuladen auf das Mädchen von gegenüber zu sprechen kam, dann fiel
unvermeidlich auch mal ein grobes oder törichtes Wort, oder wir machten
mit den beiden Hunden unsere Faxen, aber dann lächelte der junge Laden-
inhaber nur, und obwohl sein Lächeln anscheinend keine bösen Hinterge-
danken verbarg, schien doch ein Geheimnis dahinterzustecken.
Ich sagte dann: »Was lächelst du denn? Gibst du nicht zu, dass sie eine
Schönheit ist? Gibst du nicht zu, dass diese zwei Hunde mehr Glück haben
als wir?« Wie immer bekam ich keine Antwort. Und selbst wenn er einmal
antwortete, dann lächelte er auf seine treuherzige und ehrliche Art und zeig-
te eine fast mädchenhafte Schüchternheit.
»Wieso lächelst du denn noch? Ihr Leute vom Land versteht überhaupt
nichts von Schönheit! Ihr mögt bestimmt Frauen mit großen Brüsten und
dicken Hintern, ihr mögt Muttersäue und Wasserbüffel. Weil ihr nichts von
Schönheit wisst, weil ihr nicht wisst, was hübsch ist.«63
Dann fügte der hinkende Trompeter manchmal noch hinzu: »Verdamm-
te Hunde, wie gut die es haben!« Und er neckte den Doufuverkäufer, ob er
denn nicht ein Hund sein wolle, nur um jeden Tag mit dem Mädchen zu-
sammen sein zu können.
Dann wurde der Bursche jedes Mal rot, drehte mit noch mehr Energie
seinen Mahlstein und lächelte.
Wer wusste schon, was dahintersteckte? Und wer wollte dem unbedingt
nachgehen?
Wir hatten, das kann man sagen, eine glückliche Zeit. Denn neben un-
serem  Umgang  mit  dem Doufuverkäufer,  dem  Schlürfen der  Sojamilch,
während wir gleichzeitig zu der Schönheit hinüberlugten, gingen wir öfters
noch auf den Platz, wo Leute hingerichtet wurden. Unsere Regimentskom-
mandantur ließ alle fünf Tage, wenn Markt war, Übeltäter aus den umlie-
genden Dörfern heranführen, man suchte sich dann ein paar aus, die nach-
weislich Schlechtes angestellt hatten, und ließ sie öffentlich köpfen. Früher,
als wir noch in Huaibei stationiert waren, wurde unsere Kompanie mit der
Bewachung beauftragt, ein Zugführer musste die Delinquenten heranfüh-
ren, und der Trompeter blies vor der versammelten Mannschaft. Auf dem
Platz stürmte die Truppe dann voran, die Trompete blies zum Angriff, und
dann  wurde  es  ernst.  Nach  der  Hinrichtung  wanderte  die  Truppe  in  ihr
Quartier zurück, und auf der Straße war das Signal zum siegreichen Rück-
zug zu blasen. Jetzt aber hatte der hinkende Trompeter keinen Anteil mehr
daran. Jetzt war die Bewachung Sache der Leibwache, die im Gefecht für
die Sicherheit des Regimentskommandeurs sorgte. Sie beanspruchten die
Hinrichtungen für sich. Uns blieb nur, diese traurigen Reihen und die blu-
tige Komödie zu betrachten. Auch ich konnte nicht mehr als Gruppenführer
die Leute herbringen und vor der Menge zur Schau stellen. Aber das war
kein Nachteil für uns, eher ein Vorteil, wir hatten mit der Bewachung nichts
mehr zu tun, konnten hingehen und uns die abgeschlagenen Köpfe und die
steifen, bleichen Leiber ansehen. Da durften wir dann eine Weile stehen
und mussten nicht gleich weg.
Einmal schleppten wir auch den Doufumacher mit, weil er nie den Mut
gehabt hatte, sich sowas anzusehen. Es lagen damals vier Leichen auf dem
Platz. Am Oberkörper hatte man sie nackt ausgezogen, sie sahen gerade-
wegs aus wie tote Schweine. Einige einfache Soldaten in schäbigen Unifor-
men stocherten in einer äußerst vorwitzigen Art mit Bambusstecken in den
Halsröhren der Leichen herum. Ein paar hungrige Köter kauerten in einiger
Entfernung und beobachteten alles mit wachem Blick.
Der Trompeter fragte den Doufumacher, ob er vor sowas Angst habe. 64
Der lächelte nur sein geheimnisvolles und nie maliziöses Lächeln. Als wir
das Lächeln dieses jungen Mannes sahen, freuten wir uns über die Freund-
schaft mit ihm, so wie wir uns darüber freuten, wenn wir die Stimme jenes
Mädchens hörten. In genau der gleichen Weise spürten wir darin das Leben.
Weil wir glücklich waren, verging die Zeit wie im Flug.
Ehe wir uns versahen, hatten wir schon ein halbes Jahr lang in der Dou-
fumacherei nach dem Mädchen Ausschau gehalten.
Wir waren dem Doufuverkäufer nähergekommen, und auch die beiden
Hunde waren uns jetzt sehr vertraut. Manchmal nahmen wir sie ins Lager
mit oder ans Flussufer, um uns die Zeit zu vertreiben, und bekamen sogar
die Erlaubnis ihrer Herrin dafür.
Weil wir jetzt wussten, dass wir keine Chance bei dem Mädchen hatten
(wir waren inzwischen so vertraut mit dem Doufumacher, dass wir aus sei-
nem Munde einige Dinge erfuhren), redeten wir keinen Unsinn und hatten
auch keine törichten Absichten mehr. Aber immer noch kamen wir in den
Doufuladen und griffen unserem Freund bei dieser oder jener Tätigkeit unter
die Arme. Wir beherrschten die Doufuherstellung jetzt in allen Einzelheiten,
wir konnten die Temperatur der Bohnenmilch einschätzen und die Qualität
der Sojabohnen beurteilen. Wir lernten viele Kunden aus dem Ort kennen,
die  sich  gern  mit  uns  unterhielten  und  mit  uns  Bekanntschaft  schlossen.
Wenn es Dienstgrade oder Soldaten aus unserem Lager waren, dann wollte
unser Chef oft, dass ich ihnen etwas mehr Doufu gab, und manchmal nahm
er kein Geld von ihnen. Unser Leben verschmolz mit der Doufumacherei,
und wir waren die engsten und vertrautesten Freunde der beiden Hunde. Die
Stimme  des  Mädchens  konnte  zwar  die  Hunde  von  uns  wegrufen,  aber
manchmal pfiffen wir dann, und dann kamen sie wieder zurück.
Öfters sahen wir, wie junge Offiziere in geschniegelten Uniformen mit
weißen, vor Verlegenheit etwas geröteten Gesichtern die Straße herunterka-
men und mit geschwellter Brust und geräuschvollen, sporenbewehrten Le-
derstiefeln einfach durch das Tor gegenüber marschierten. Dann dachten wir,
dass da sicher die ein oder andere Sache passierte, und wir barsten vor Eifer-
sucht. Ich kannte mich ja etwas aus und wusste mich nach diesem Schlag mit
anderen Dingen zu trösten, aber mein verkrüppelter Trompeter war äußerst
unglücklich darüber. Oft sah ich ihn hinter dem Rücken dieser jungen Offi-
ziere die Faust ballen, als ob er sie niederschlagen wolle. Und oft sah ich, wie
er mit dem Doufumacher etwas besprach, achtete aber nicht weiter drauf.
Einmal, als wir in einer Schenke schon etwas über den Durst getrunken
hatten, vergaß ich mich und sagte folgendes zu dem hinkenden Behinder-
ten:65
»Du  bist  ein  Krüppel,  mein  Freund,  mein  werter  älterer  Bruder,  ein
Krüppel! Ein Fräulein verheiratet sich nur mit einem jungen Bataillons-
kommandeur. Schauen wir uns doch selber an, wie wir uns im Fluss spie-
geln, dann wissen wir, dass wir damit nichts zu tun haben. Was sind wir
denn schon? Vier Yuan im Monat, wenn wir marschieren, waten wir durch
den Schlamm, wenn wir Quartier machen, dann gibt es Appelle und Exer-
zieren, nachts schlafen wir auf Stroh und werden von Wanzen gebissen. Wir
essen Rindfleisch und Sauergemüse und klammern uns an ein kaltes Ge-
wehr – – – Wir sind jung, aber was hilft das? Wir sind Hunde und Schweine,
aufgereiht zu einer Armee, wieso machen wir uns Hoffnungen auf dieses
Mädchen? Warum schätzen wir uns so falsch ein? – – –«
Da war ich schon ziemlich betrunken und konnte mich nicht mehr im
Zaum halten. So sprudelte es aus mir heraus, ich wollte meinem stets so ge-
horsamem Freund ins Gewissen reden. Ich benutzte wohl auch noch eine
Menge Vergleiche in Bezug auf seine Füße. Wir zwei waren allein, und mit
der Zeit schlug die Stimmung meines Freundes um, er stürzte sich wie ein
rasendes Tier auf mich. Wir rangen miteinander, wurden zu einem einzigen
Knäuel, zogen uns an den Ohren und verprügelten uns ohne jede falsche
Scham. Ich war stockbetrunken, auch er war nicht mehr nüchtern, wir be-
schimpften uns sinnlos, bis Soldaten an der Tür vorbeikamen und den Lärm
bemerkten. Wohl weil es sich um die eigenen Leute handelte, kamen sie he-
rein und zogen uns mit einiger Mühe auseinander.
Zurück im Lager kotzten wir uns aus, nachts erwachten wir von unse-
rem Rausch und tranken eine Menge kaltes Wasser aus dem Wasserfass.
Dann kam uns mit der Zeit, was in der Nacht passiert war, und wir heulten.
Warum mussten wir miteinander kämpfen? Was hatte uns so zur Weißglut
gebracht? Warum das alles? Unsere gerade zugeteilten wattierten Militärja-
cken hatten wir zerrissen. Wir gingen in den Hof und sahen den untergehen-
den Mond, der einem Totengesicht glich. Vom Himmel fielen überall Stern-
schnuppen, ein schönes, glitzerndes Schauspiel. Überall begannen die Häh-
ne zu krähen. April war es gewesen, als wir hier stationiert wurden und der
Trompeter seine Beine verletzte. Jetzt war es schon Oktober.
Tags darauf sahen wir beide das geschwollene Gesicht des anderen, und
wir genierten uns. Einige in der Kompanie wussten, dass wir uns geprügelt
hatten, und fürchteten eine Wiederholung. Aber wider Erwarten hatten wir
schon vergessen, was in der Nacht im Suff passiert war. Streng genommen
hatten wir die Sache nicht vergessen, aber vielleicht schweißte uns gerade
das noch enger zusammen.
Wir gingen nach wie vor zur Doufmacherei, und als uns der Inhaber sah, 66
staunte  er  nicht  schlecht  und  dachte,  zwischen  uns  sei  bestimmt  etwas
Schlimmes passiert. Wir selber lachten, wenn wir uns ansahen, über unsere
verkratzten und verschwollenen Gesichter.
Ich klärte dann unsere Freunde über die Sache auf, auch der Doufuver-
käufer wusste jetzt, was los gewesen war. Ich sagte ihm, mir sei jetzt all der
Blödsinn wieder eingefallen, den ich von mir gegeben hätte, auch als ver-
krüppelten Hund hätte ich ihn beschimpft, und dann seien wir irgendwie
aneinandergeraten. Zum Glück seien wir besoffen gewesen und ziemlich
schlapp, nicht richtig bei der Sache, und deswegen hätten wir uns in der Hit-
ze des Gefechts auch nicht die Köpfe eingeschlagen.
Da trat das Mädchen vor die Tür. Die Hunde tanzten um sie herum,
schmeichelten sich ein und leckten ihre kleinen Hände.
Wir verstummten und blickten alle drei hinüber. Sie schien die Schram-
men auf unseren Gesichtern zu bemerken und sah uns lächelnd an, was sie
früher nie getan hatte, anscheinend ohne Schüchternheit und ohne Angst,
wir könnten ihr was zuleide tun. Ihr Lächeln wirkte fast, als kenne sie den
Grund für den Radau am Vortag.
Ich war dann sehr niedergeschlagen, weil wir für dieses Mädchen über-
haupt nicht existierten, vielleicht dachte sie in ihrem kleinen Herzen, wir
kämen jeden Tag als Geschäftspartner des Doufumachers hierher, um uns
ein wenig Geld zu verdienen. An dem Trompeter bemerkte ich die gleiche
Niedergeschlagenheit, denn seine kaputten Beine waren ihr ja längst be-
kannt, sein Erscheinungsbild war noch schlechter als meines. Für ihn muss-
te das alles noch schwerer zu ertragen sein.
Der Doufumacher seinerseits legte sich mit seinen Armen noch kräfti-
ger ins Zeug, ob bewusst oder unbewusst, und er hob den Mahlstein an um
zu untersuchen, ob seine Achse beschädigt war. Das tat er jetzt zum dritten
Mal, zuvor war es in ähnlichen Situationen geschehen. Dieser ehrliche und
schlichte Bursche untersuchte jetzt wieder seinen Mahlstein.
Ich wollte ihn fragen, bekam aber keine Gelegenheit dazu.
Nach einer kurzen Weile war sie wieder hinter dem goldverzierten Tor
verschwunden. Wie ein Stern, wie ein Regenbogen hatte sie sich in einem
Augenblick aufgelöst. In unserer Seele ließ sie ein schimmerndes Zeichen
zurück. Ich wollte meinem Freund gerade einverständig zulächeln, als der
plötzlich meinte:
»Bruder, du hast mich gestern zu Recht beschimpft, ganz zu Recht! Wir
sind Schweinehunde, wir sind Gullykröten! – – –«
Ich wollte meinem todtraurigen Freund etwas sagen, wollte diesen un-
glücklichen Krüppel trösten:67
»Sowas darfst du nicht sagen, ein Mann darf sowas nicht sagen. Wir ha-
ben  doch  Mumm,  mit  diesem  Mumm  können  wir  alles  erreichen.  Der
höchste Turm beginnt unten auf der Erde, wir wollen Präsident werden, wir
wollen General werden, so eine Frau ist doch nichts Besonderes.«
Der Trompeter meinte: »Ich will gar nicht Präsident werden, das ist zu
schwierig. Meine Beine, diese verdammten Dinger, meine Beine! – – –«
»Wer lässt dich denn nicht ein richtiges Leben führen? Das mit den Bei-
nen wird wieder werden, dann kann dich der Kompaniechef für die Kader-
schule empfehlen. Dann wirst du wie alle die anderen Studenten eine Posi-
tion finden.«
»Ich bin doch weniger als ein Hund. Wenn meine Beine wieder gesund
sind, dann bitte ich den Kompaniechef, dass er mich zum einfachen Solda-
ten macht, dann gehe ich den ganzen Tag auf den Exerzierplatz, dann sollen
sie mich schleifen – – –«
»Mit der Zeit schaffst du das«, sagte ich und wandte mich dem Doufu-
macher zu, der den Mahlstein schon eingerichtet hatte und den Holzknüp-
pel zu schieben begann. »Unser Leben ist doch, wie diesen Mahlstein zu
drehen, einfach sinnlos. Was meinst du dazu?«
Der Bursche meinte wohl, dass meine Ausführungen nicht ganz zu mei-
ner Stellung passten und auch nicht zu seinem Leben. Er lächelte mich ge-
nauso an wie sonst und bei anderen Gelegenheiten.
Ich verstand jetzt. Wir drei hatten uns in dieselbe Frau verliebt.
Am 14. Oktober musste ich ein Schreiben zur siebzig Meilen entfernten
Kommandantur  bringen,  dazu  hatte  ich  noch  Anderes  zu  erledigen.  Ich
wartete in Shimen auf die Antwort, übernachtete dort und war so zwei Tage
unterwegs.
Nach der Rückkehr brachte ich das Antwortschreiben ins Regiment und
meldete mich von meinem Auftrag ab. Sechs Yuan Belohnung bekam ich
für meine Mission und ging in bester Laune zu meiner Kompanie. Ich woll-
te nachfragen, ob jemand nach Hause fuhr, damit ich ihm vier von den sechs
Yuan mitgeben konnte. Dafür sollte man zu Hause Geräuchertes für den
Winter besorgen. Ich traf den Krüppel, und bevor ich noch den Mund auf-
machen konnte, sagte er:
»Bruder, das Mädchen ist tot!«
Was sollte das denn? Ich beugte mich ganz ruhig hinunter, um meine
Bastsandalen zu wechseln. Der Krüppel stellte sich vor mich hin und sagte
wieder »Das Mädchen ist tot!«, so dass ich es ernst nehmen musste. Als ich
es begriffen hatte, packte ich ihn grob am Kragen und schrie ihn an, ob das
stimme, und er sagte, ich solle es doch mit eigenen Ohren hören, weil in 68
diesem Augenblick von draußen die Trommeln und Gongs einer Totentrau-
er ertönten, und ein Suona wurde in schrillem, hohen Ton und mit Vibrato
geblasen. Auf einem Fuß barfuß, der andere steckte noch in der nassen San-
dale, so zog ich den Krüppel zur Tür hinaus. Wie die Feuerwehr stürmten
wir zum Doufuladen, ohne Rücksicht auf das Gehinke des Trompeters und
die Blicke der Leute. Aber schon auf halbem Weg merkte ich, dass der
schrille Lärm der Suona, der Glocken und Gongs aus dem Haus gegenüber
vom Doufuladen kamen. Ich fröstelte, mir war, als hätte ich einen Schlag
vor den Kopf bekommen, ich bekam Ohrensausen. Das ist doch verrückt,
dachte ich, das ist doch verrückt!
Ich  saß  still  auf  der  Bank  im  Doufuladen  und  bekam  von  meinem
Freund eine Schale Sojamilch. Vor dem Haus gegenüber sammelten sich
aus heiterem Himmel eine Menge Leute, vor dem Tor hingen weiße Trau-
ertücher, viele Kinder hatten sich weiße Trauerbinden um den Kopf gewi-
ckelt und kauften sich vor dem Tor etwas zu Essen. Neben dem Fischbassin
sah ich Leute, die sich verbeugten und Totengeld und Silberbarren aus Pa-
pier verbrannten. Die Flammen loderten hoch und die Papierasche flog weit
hinauf.
Ich wusste jetzt, dass das alles Realität war, und bekam überall Krämp-
fe, trotzdem lachte ich.
Ich sah den Doufuverkäufer an. Der war nicht mehr so zuversichtlich
wie sonst, er hatte offensichtlich auch einen Schock bekommen und be-
wahrte mit Mühe seine Fassung. Er tat, als ob er mich nicht sähe und drehte
sich weg. Dann sah ich den Trompeter an, und sein Anblick war kaum aus-
zuhalten. Ich hätte ihm am liebsten einen Faustschlag versetzt, nahm aber
dann doch Abstand von so einer törichten Handlung.
Ich fragte dann nach und erfuhr, das Mädchen habe am Vortag Gold ein-
genommen und sei dann gestorben.  1
Warum hatte sie das getan, mit wem hatte das zu tun, das verstand ich
damals und auch heute nicht (viele sterben auf diese Weise, und die Leben-
den wundern sich nicht einmal darüber). Der Tod dieses Mädchens war für
mich ein Verlust, das hätte ich zuvor nie so gesagt, aber jetzt nannte ich die
Sache beim Namen. Wir waren erst sehr traurig, als die Sprache darauf
kam, später lachten wir alle, und als wir auseinandergingen, hätten wir uns
am liebsten vor Freude verprügelt.
Schwer zu sagen, woher diese Freude kam. Anscheinend wusste jeder
1 Die Einnahme von Blattgold führt zum Ersticken, eine in China übliche Form des
Freitods. Für den Hinweis danke ich Paul U. Unschuld. [Anm. d. Übers.]69
von uns, dass dieses Mädchen einem Blumentopf glich, auf den wir kein
Recht hatten. Als der Blumentopf zerbrach, waren wir erst etwas betrübt,
aber dann redeten wir darüber, wie viele Blumentöpfe von irgendwelchen
Arschlöchern in Beschlag genommen würden, alle Blumentöpfe würden
früher oder später von den Mächtigen in Besitz genommen, nur dieser eine
Blumentopf war leider am Boden zerschellt, und das tröstete uns irgendwie.
Doch als wir zurück im Lager waren, ging es uns schlecht. Unser Leben
lag in Scherben. Von jetzt an würde uns nichts mehr Herzklopfen machen,
nichts mehr würde uns tagträumen lassen. In unserem Leben würde für im-
mer eine unsichtbare Lücke klaffen, selbst wenn man es mit einem Flicken
stopfte, es würde nie mehr vollständig.
Aber was machte es wirklich für einen Unterschied, ob so ein Mädchen
lebte oder tot war? Selbst wenn sie munter weiterleben würde, was hätten
wir noch zu hoffen, wenn eines Tages der Befehl zur Verlegung der Truppe
kommen würde? Und selbst wenn wir noch so lange hier stationiert blieben,
wir, ein hinkender Trompeter und ein Gruppenführer, was hätten wir zwei
Schmuckstücke  schon  zu  wollen?  Was  für  großartige  Pläne  hatten  wir
schon, abgesehen von der Bekanntschaft mit zwei Hunden?
Am nächsten Tag wachten wir früh auf und sahen uns wortlos auf dem
Bett sitzend an. Jeder von uns bemühte sich wohl, irgendwo in der Weite
einen neuen Platz zu finden, an dem er nicht zu sehr von der Erinnerung ge-
peinigt wurde. Wir wollten beide ärgerlich werden, aber wir wussten nicht,
warum unsere Laune derart schlecht geworden war.
»Warum hast du so geschwollene Augen? Du Narr, du!«
Der Trompeter ging auf meinen Spott hin nicht zum Gegenangriff über,
sondern warf mir nur einen mitleiderregenden Blick zu.
Ich sagte: »Du wirst doch nicht Trauer tragen, nur weil sie gestorben
ist?«
Er sah mich weiter so an, als ob er sein Schweigen für ein schlagkräfti-
ges Argument hielte, um meine Aufmerksamkeit zu erregen.
Ich verstand das, aber deswegen gab ich mein Recht nicht auf, ihn auf-
zuziehen.
»Krüppel, du bist wirklich eine krätzige Kröte, die Insekten frisst und
zum Himmel hinaufschaut.«
Da fragte er mich nur leise: »Bruder, sag mal, können Tote eigentlich
wieder lebendig werden?« Wegen dieser dummen Frage schimpfte ich ihn
wieder nach Strich und Faden aus.
Als wir  zum Doufuladen  kamen, war gegenüber alles verlassen, vor
dem Tor lag noch weißes Totengeld herum. Unser Freund der Doufumacher 70
saß auf seiner Bank und stützte den Kopf auf die Hände. Wenn ein Kunde
kam, ließ er ihn selbst mit dem Messer ein Stück Doufu vom Brett abheben.
Uns empfing er etwas gereizt, er wollte anscheinend seine Wunden verber-
gen, trotzdem lächelte er. Sein Lächeln war der Beweis, dass er immer noch
gesund war und ein gutartiges Wesen besaß.
»Was ist los? Hast du Kopfschmerzen?«
»Begraben – – – begraben, in aller Frühe haben sie sie begraben.«
»Heute früh hat man sie begraben?«
»Im Morgengrauen sind sie schon aufgebrochen.«
»Was hast du denn, dass du so bedrückt bist?«
»Nichts, überhaupt nichts.«
Dann holte er schnell Schalen und Deckel, um uns Sojamilch anzubie-
ten.
Es war ein beklemmendes Gefühl, hier zu sitzen. Wir gingen dann zu
einer Frau dieses Orts, um Karten zu spielen. Dort erfuhren wir, dass das
Mädchen zwei Meilen von hier beim Silberkarpfenweiler begraben worden
war.
Ich weiß nicht, warum mich der Anblick des todtraurigen Trompeters so
in Wut brachte, dass ich ihn am liebsten beschimpft und geschlagen hätte.
Es war, als ob seine betrübte Haltung meine Hingabe an jenes Mädchen be-
sudeln würde. Irgendwie beleidigte mich seine Art. Ich wollte nicht mehr
mit ihm am selben Tisch Karten spielen. Ich ging und legte mich auf meiner
Strohmatratze schlafen.
In der Nacht kam der Krüppel nicht ins Lager zurück. Er hatte gesagt,
er wolle nicht im Lager schlafen, also vermutete ich, dass er bei der Frau
die Nacht verbringen wollte und dachte mir nichts dabei. Am nächsten Tag
wollte ich noch nicht aufstehen und döste auf meinem Bett. Am Nachmittag
bekam ich etwas Fieber, fühlte mich krank und hatte keinen Appetit mehr.
Ich trank etwas Ingwersuppe, um mich dann zuzudecken und zu schwitzen.
Schweißgebadet wachte ich auf, es war fast schon Nacht.
Ich ging hinter die Halle, um Wasser zu lassen. Es hatte nach dem Regen
aufgeklart, die Abendsonne hing schräg über dem Dach und tauchte alles in
ein goldgelbes Licht. Ein Wölkchen schimmerte in der untergehenden Son-
ne in den fünf glückverheißenden Farben. Diese Szenerie und der dünne
Rauch, der sich über dem Dach jenes Hauses kräuselte, das Bellen der Hun-
de und der Trompetenklang im Lager erinnerten mich daran, was an unse-
rem ersten Tag hier geschehen war. Ich dachte an das Schicksal meines
Freundes, und was wir alles erlebt hatten, und das machte mich niederge-
schlagen und traurig. Eine Frage trug ich mit mir herum, wie denn dieses 71
seltsame Leben zu erklären sei. Meine Gedanken waren naturgemäß noch,
das konnte man sagen, schlicht und unkompliziert.
Dann schlief ich weiter, ich wollte nichts essen, nicht reden und an nichts
denken. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, ich zog mir die Decke über den
Kopf und vernahm nur noch verschwommen die Stimmen der Kameraden,
die im Oberstock beim Kartenspiel lärmten. Ich sah viele Leute vor mir, als
ob wir schon losmarschiert wären, schon auf dem Weg wären, schon ange-
kommen wären. Vergangenes kam mir in den Sinn, ich sah wieder die Mie-
ne, die der Trompeter bei seinem Sturz gemacht hatte. Als ich erwachte,
schien jemand neben mir zu sitzen. Ich schlug die Decke zurück und sah im
Schimmer der Öllampe an der Haupthalle – die im Raum war schon erlo-
schen – den Umriss eines Menschen, der bewegungslos neben mir saß.
»Krüppel, bist du’s?«
»Ja.«
»Wieso kommst du erst jetzt zurück?«
Er verbarg sein Gesicht im Dunkeln und sagte nichts. Ich hatte lange ge-
schlafen, hatte zwei Mal geschwitzt und war noch ganz benommen. Ich
wusste gar nicht, wie spät es war, und fragte ihn nach der Uhrzeit. Keine
Antwort, als ob er mich nicht gehört hätte.
Nach einer Weile sagte er: »Bruder, meine Ahnen haben mir geholfen,
der Himmel ist mir beigestanden, die Wache hätte mich sonst um ein Haar
über den Haufen geschossen.«
»Kennst du denn die Losung nicht?«
»Woher soll ich die Losung kennen?«
»Ist es denn schon nach zwölf?«
»Keine Ahnung.«
»Wo warst du denn, dass du erst jetzt zurückkommst?«
Wieder verstummte er. Ich sah, dass die Soldaten über dem Reisfass
eine Meifu-Petroleumlampe  2  für mich angebracht hatten. Die Flamme war
weit heruntergedreht, ich ließ ihn es heller machen. Erst beim zweiten Mal
kam er meiner Aufforderung nach.
Im hellen Schein der Lampe erkannte ich erst, dass er überall lehmver-
schmiert war. Im Gesicht hatte er Schrammen, als ob er sich mit jemand ge-
prügelt hätte. Ich war perplex und wusste nicht, wie ich ihn fragen sollte,
wo er sich den ganzen Tag herumgetrieben und was er getan hatte. Ich war
verwirrt, weil ich ihn eben noch im Schlaf vom Steinlöwen hatte stürzen se-
hen. Alles war noch wie im Traum.
2 Meifu ?? war der Markenname von Standard Oil. [Anm. d. Übers.]72
Er flüsterte mir zu: »Bruder, das Grab ist von jemand geöffnet worden.«
»Wem sein Grab?«
»Es ist wohl gerade ausgegraben worden, ich hab’s genau gesehen.« Er
sagte das in einer so fieberhaften Art, dass ich schon an seinem Verstand
zweifelte.
»Von welchem Grab redest du denn? Wo ist es denn, woher weißt du das
alles?«
»Woher ich das weiß? Ich hab’s von Leuten gehört, dass die mit den lan-
gen Zöpfen beim Silberkarpfenweiler begraben ist, ich wollte es mir anse-
hen. Gestern war ich das erste Mal dort, da war es noch unberührt, und in
der Nacht bin ich nochmal hin, ich kenne den Weg genau, da war das Grab
schon geöffnet worden.«
Entweder war ich verrückt geworden oder mein Freund. Ich wusste,
wessen Grab das war. Wie von Sinnen sprang ich auf: »Du warst bei ihrem
Grab? Du warst bei ihrem Grab? Was hast du vorgehabt? Du Vieh – – –«
Der Freund wunderte sich kein bisschen darüber und meinte gefasst und
ganz leise: »Ja! Ich war bei dem Grab, gestern, und heute Nacht wieder. Ich
hatte nichts Schlechtes vor! Ich schwöre es, bei den Königen des Himmels,
ich hatte gar kein Werkzeug dabei. Als ich gestern den Grabhügel gesehen
habe, da war er noch intakt, rund wie ein Dampfbrot aus Erde, und in der
Nacht war alles zerstört. Ich schwöre es, ich hab’s dann in der Nacht gese-
hen, da sah es ganz anders aus. Ich weiß nicht, wer das getan hat, ich weiß
nicht, wer sie aus dem Sarg geholt und fortgeschleppt hat.«
Als  ich  seinen  haarsträubenden  Bericht  hörte,  kam  mir  plötzlich  ein
Mensch in den Sinn. Aber ich sprach nicht aus, wer es war, der Gedanke
war in meinem Kopf aufgeblitzt und hatte sich dann gleich verflüchtigt.
Erst vermutete ich, die Seele des Mädchens sei zurückgekehrt, dann habe
es sich aus ihrem Sarg herausgekämpft und sei davongerannt. Vielleicht
war sie jetzt schon zu Hause und erzählte alles ihren Eltern. Dann dachte
ich wieder, sie sei nur in aller Eile zum Schein beerdigt worden, dann habe
sie jemand ausgegraben und gerettet. Oder mein Freund habe sich geirrt, in
seiner Panik habe er Richtung und Ort verwechselt, und das Grab, das er in
der Nacht gesehen habe, sei überhaupt nicht das ursprüngliche. Ich stellte
alle möglichen Überlegungen an, weil ich nicht glaubte, dass das alles real
war.
Dann fragte ich ihn, warum er denn zu dem Grab gegangen sei. Er wur-
de sehr ängstlich, meinte wohl, ich hätte den Verdacht, dass er den Täter
kenne, oder zumindest nach der Tat erfahren habe, wer der Täter war, und
er tat einen Schwur nach dem anderen, rief alle möglichen Himmelsgotthei-73
ten als Zeugen an, um sich gegen den Vorwurf zu wehren, er habe die Mäd-
chenleiche  rauben  wollen.  Er  erklärte  immer  wieder,  er  habe  keinerlei
Werkzeuge mitgenommen, um zum Grabräuber zu werden. Er verteidigte
sich mit aller Energie. Als er fertig war, sah er düster zu mir herüber, mit
einem ängstlich fragenden Blick. Wenn ich jetzt nicht gesagt hätte, dass ich
ihm glaube, dann wäre er durchgedreht und hätte mich erwürgt.
Der Schrecken hatte meine Krankheit verscheucht. Ich fragte mich, wie
ich meinen Freund ruhigstellen sollte, der drauf und dran war, den Verstand
zu verlieren, ja, der ihn mit Sicherheit verlieren würde. Ich erklärte ihm die
Sache auf jede mögliche Weise, führte unsinnige Geschichten ins Feld, um
diese gebrochene Seele zu trösten. Er fasste sich mit der Zeit, und als alle
Erregung  vorüber  war,  murmelte  er  ständig  nur  das  gleiche  unflätige
Schimpfwort. Er erzählte mir, dass er tatsächlich diese Überlegung ange-
stellt habe, weil er gehört habe, dass Mädchen, die durch die Einnahme von
Gold gestorben seien, innerhalb von sieben Tagen wieder zum Leben er-
weckt werden könnten, wenn ein Mann sie umarmte. Dann erzählte er wie-
der, am ersten Tag habe er nur die Vorstellung gehabt, er sei am Grab und
habe Hilferufe gehört, um dann in einer heroischen Tat das Mädchen aus
dem Grab zu retten. Beim zweiten Mal wollte er, ohne auf Hilferufe zu war-
ten, das Mädchen ausgraben. Aber dann habe er das Grab leer vorgefunden,
der Sargdeckel daneben, und der Sarg habe gleichsam sein Maul weit auf-
gerissen, als wollte er einen verschlingen. Er sei in den Sarg gesprungen,
habe  aber  außer  ein  paar  Kleidungsstücken  nichts  mehr  gefunden.  Be-
stimmt habe kurz zuvor jemand das Grab geöffnet und die Leiche des Mäd-
chens fortgetragen.
Er rief jetzt nicht mehr die Himmelsgötter als falsche Zeugen an. Nach-
dem er mir so aufrichtig und bis ins letzte Detail alles erzählt hatte, fand ich
keine Worte mehr, um ihn zu trösten. Ich glaubte die ganze Sache noch
nicht ganz, ich vermutete in meinem Innersten, die Sache sei uns nur in ei-
nem Traum widerfahren. Dann dachte ich wieder, wenn es doch kein Traum
war, dann würde der Trompeter am nächsten Morgen sicher bereuen, was
er mir erzählt hatte, denn so ein Verlangen war schwer zu unterdrücken, es
in die Tat umzusetzen aber doch unmenschlich. Weil er seine Untat bereute,
war es auch möglich, dass er mich umbrachte, um mich zum Schweigen zu
bringen. Dieser Gedanke ließ mich auf der Hut vor ihm sein. Aber er war
jetzt so weich wie eine Frau und außer zur Reue zu nichts mehr fähig. Nur
ein Problem ließ uns nicht los – wie sollten wir jetzt mit der Sache umge-
hen? Sollten wir es melden oder sollten wir das Rätsel auf sich beruhen las-
sen? Wir beratschlagten uns, und kamen zu dem Schluss, nach dem gesun-74
den Menschenverstand ginge uns diese Entdeckung eigentlich nichts an,
aber wir sollten am nächsten Tag mal beim Doufuladen nachsehen. Der
Trompeter war nach seinem beschwerlichen Herumirren in der Nacht und
nach den Gesprächen mit mir todmüde und schlief gleich ein. Ich selbst hat-
te den ganzen Tag geschlafen und brachte jetzt kein Auge mehr zu. Ich be-
trachtete das sorgenvolle Gesicht dieses völlig verschmutzten behinderten
Mannes, löschte dann das Licht und erwartete neben dem Freund sitzend
den Tag.
Es war schon Vormittag, als ich zum Doufuladen kam, aber der Doufu-
macher hatte nicht geöffnet. Die Sache von letzter Nacht kam mir wieder in
den Sinn. Die Tür war von außen verschlossen, also hatte er nicht verschla-
fen, es war auch nichts im Hause passiert. Meine vage Idee schien sich zu
bewahrheiten, ich bekam es mit der Angst. Ich lief mit dem Trompeter zur
Kompanie zurück und teilte ihm, der so große Ambitionen entwickelt hatte,
meine Vermutung mit. Er wollte mir nicht so recht glauben, machte sich
dann allein auf den Weg und kam erst nach längerer Zeit kreidebleich zu-
rück. Er habe erfahren, dass der Doufumacher letzte Nacht seinen Laden
verlassen habe.
Drei Tage lang trauten wir uns nicht rauszugehen, sondern spielten Kar-
ten. Dann erzählte jemand im Lager eine Neuigkeit, die sich wie ein Lauf-
feuer verbreitete. »Das frische Grab der Tochter des Vorsitzenden der Han-
delskammer wurde geöffnet, die Leiche fortgetragen.« Dann hieß es noch,
die Leiche der jungen Frau sei eine Meile (1/2 km) vom Grab entfernt in
einer Höhle gefunden worden, sie habe nackt auf einem Bett aus Stein ge-
schlafen, und überall am Boden und auf ihrem Leib seien blaue wilde Chry-
santhemen verstreut gewesen.
Diese Nachricht fügte der menschlichen Unwissenheit eine neue Spiel-
art hinzu, aus Missbrauch war etwas Mystisches geworden.
Durch diese Nachricht waren wir wie vom Donner gerührt. Wir wussten
jetzt, was unser Freund getan hatte.
Ich ging danach nie mehr zum Doufuladen, saß nie mehr auf jener Bank
bei einer Schale Sojamilch, und unseren jungen, ehrlichen Freund sah ich
nie wieder. Mein verkrüppelter Dorfkamerad ist immer noch Trompeter der
47. Kompanie, er hinkt nach wie vor und hat nie mit jemand über diesen
Vorfall gesprochen. Er hatte nichts Unrechtes getan, aber die Handlung ei-
nes anderen ließ ihn das ganze Leben freudlos werden. Und ich, habe ich
noch eine Meinung dazu? – – – Ich wurde etwas melancholisch, komme mit
jungen Leuten nicht mehr so richtig klar, das Militär war nicht mehr das
Richtige für mich. So ging ich in die Stadt, aber auch in der Stadt fühle ich mich nicht so recht wohl. Doch wohin soll ich noch davonlaufen? Ich kom-
me nicht zur Ruhe, denn immer wieder fällt mir jener Vorfall ein. Jeder hat
sein Schicksal, ich weiß es. Einige Dinge der Vergangenheit nagen immer
noch an meinem Inneren, und wenn ich sie ausspreche, dann denkt ihr, das
sei eine Geschichte. Niemand kann verstehen, in welcher Verfassung ein
Mensch lebt, dem hundert solcher Geschichten auf der Seele lasten.
Abgeschlossen am 24. August 1930
Aus dem Chinesischen übertragen von Rupprecht Mayer
Shen Congwen
Drei Männer und eine Frau
Weil es regnet, wollen meine Freunde, dass ich eine Geschichte erzähle, in
der es regnet. Diese ist die gewöhnlichste unter ihnen. Wenn sie nicht allzu
herzergreifend ist, dann liegt das daran, dass sie zu real ist. Wir wissen alle,
dass das Schöne in der Regel nicht real ist. Der Regenbogen am Himmel
und die Träume im Schlaf mögen als Beispiele dienen.
Kein Mensch weiß, warum es bei der Armee immer regnet, wenn man
marschiert.
Wir konnten den Grund selber auch nicht finden. Vielleicht kennt ihn
der Versorgungsoffizier des Regiments. Denn wenn man nicht bei Regen
marschiert, werden weniger geflochtene Sandalen benötigt, wenn es aber
regnet, dann steigt die Abnutzung der Sandalen. Märsche bei Regen sind
vielleicht  von  Vorteil  für  die  Versorgungsabteilung.  Bei  solchen  Dingen
blickten wir nicht durch, das war immer kompliziert, der Regimentskom-
mandeur wusste auch nichts davon, weil er Lederstiefel trug. Aber jedes
Mal, wenn wir aufbrachen, stand das in engem Zusammenhang mit Regen,
das hatten wir im Lauf dieses Jahres herausgefunden.
Wenn es bei starkem Regen ein Gefecht gab, dann mussten die Leute
ran. Deswegen hatten wir keinen Grund uns zu beklagen, wenn wir im Re-
gen nur marschierten. Der Regen hörte ja zwischendurch immer mal auf, so
blieb das Ölzeug der Truppe intakt. Die Adjutanten, die den nächsten Halt
vorbereiteten, nahmen nie den Regen als Vorwand, um uns kein Essen zu-
zubereiten.  Unser  Bataillonskommandeur  war  beritten  und  hatte  keine
Angst, Malaria zu kriegen, selbst wenn er völlig durchnässt wurde. Wenn
wir im Regen Bambuswälder durchquerten oder in einer Schilfhütte am
Fluss auf ein Boot warteten, dann sah auch die Landschaft wirklich viel
schöner aus als gewöhnlich.
Wenn es regnete, gab es besonders viel Schlamm, aber der rutschige
weite Weg bedrückte einen nicht so sehr. Weil es regnete, wurde unser täg-
liches Marschpensum verringert, wir konnten dann, wenn es sich ergab, un-55
ter einem Vorwand in Häuser gehen, in denen es junge Frauen gab, ein paar
Scherzworte mit ihnen wechseln und lachen, und aus Bast geflochtenen Re-
genschutz erbetteln, den wir uns um die Beine wickelten. Weil es regnete,
war alles etwas zwangloser, wir konnten unsere Füße im gleichen Bottich
waschen wie der Bataillonskommandeur, ganz außerhalb jeder Militärdis-
ziplin. Sonst bekam man damals nicht so leicht die Gelegenheit dazu!
Nach vier Tagen Marsch erreichten wir den Ort, den wir erreichen woll-
ten. Das Wetter war sehr amüsant – als die Truppe ihr Ziel erreicht hatte,
klarte es plötzlich auf und die Sonne kam heraus. Viele machten sich sicher
über die Sonne lustig, meinten, dass sie ihre Spielchen mit uns spielte. Gut,
da konnten wir nicht viel machen, wir waren jetzt hierher verlegt worden,
um diesen Ort zu halten, die Truppe, die ursprünglich hier stationiert war,
war schon weitergezogen. Uns hatte man hierher verlegt, um die Lücke zu
füllen, und das öde Zeug, das die anderen erledigt hatten, mussten jetzt wir
erledigen.
Als  die  Abendsonne  uns  von  einem  rotglühenden  Himmel beschien,
blieb unser ganzes Bataillon an diesem Ort. Das andere Bataillon verbrach-
te zwar die Nacht noch hier, musste aber am nächsten Tag zu einem 15 Mei-
len entfernten Marktflecken weitermarschieren. Diese Leute, die morgen
aufbrechen mussten, hatten sich alle in Herbergen und privaten Haushalten
einquartiert, wir dagegen mussten uns eine Bleibe suchen. Weil die anderen
Einheiten schon verteilt waren, sollten wir unser Fähnchen im Ahnentem-
pel  der  Familie  Yang  aufpflanzen,  aber  keiner  in  der  ganzen  Kompanie
wusste, wo dieser Ahnentempel war, und wir fragten in den Straßen bei den
Soldaten der anderen Kompanie nach.
Es stellte sich heraus, dass es zwei Ahnentempel der Familie Yang gab.
Wir hatten die längste Zeit gesucht, aber wohl den falschen Ahnentempel
gefunden. Denn der war zu klein und zu schlecht erhalten, innen war er eine
totale Ruine. Aber unser Kompaniechef war etwas gereizt, seine werten
Füße hatten keine Lust, noch einen Schritt weiterzugehen. Er meinte, nach-
dem das hier ja frei war, könnten wir erst einmal hier rasten und dann je-
mand losschicken, der sich weiter durchfragte. Wir waren den ganzen Tag
marschiert und sahen viele Soldaten, die bei der Bevölkerung übernachte-
ten, die in hölzernen Becken ihre Füße wuschen oder schnurstracks mit ih-
rem Trockenfisch in die Küche gingen. Müde und hungrig wie sie waren,
hatten sie Unterschlupf gefunden, nur wir irrten noch in den Straßen herum
wie heimatlose Nomaden. Jetzt hatten wir immerhin einen Ort, wo wir uns
ausruhen konnten, und es wurde ja bald Nacht, also machte sich keiner was
draus. Wir stellten in den äußeren Korridoren des Tempels unsere Gewehre 56
zusammen, und viele von uns saßen miteinander am Fuß der Steinlöwen
und ließen alle Last von sich abfallen.
Ein junger Trompeter hatte irgendwo einen Flaschenkürbis mit Brannt-
wein ergattert und zog sich an eine Stelle an der Wand zurück, wo er begie-
rig trank. Einige Kameraden sahen das und versuchten, ihm den Flaschen-
kürbis zu entreißen, doch der ging zu Bruch und der Schnaps war überall
auf dem nassen Boden verspritzt. Der Trompeter geriet in Wut, beschimpfte
die anderen und prügelte auf sie ein.
Dem  Kompaniechef  fiel  angesichts  dieses  Gerangels  die  eigentliche
Funktion des Trompeters ein, und er ließ ihn ein Fragesignal an das Regi-
ment trompeten. Er stieg auf einen der Steinlöwen, hielt sich mit der einen
Hand an dem von der Abendsonne beschienenen Löwen fest, nahm mit der
anderen Hand seine kurze Signaltrompete aus Kupferblech und blies die
Melodie. Wie die hohen und tiefen Töne in der Abendbrise schwangen, das
war sehr bewegend.
Das Abendrot überzog den Himmel, über den Dächern der Einwohner
kringelte sich weißer Rauch, und viele junge Frauen standen staunend unter
den Dachtraufen, in ihren frisch gewaschenen und gestärkten blassblauen
Gewändern, vor der Brust eine bestickte Schürze, ein Kind im Arm, und be-
trachteten aus der Ferne dieses Schauspiel.
Als der Trompeter geblasen hatte, bekam er das Antwortsignal von der
in  einem  Bergtempel  stationierten  Regimentskommandantur.  Der  Kom-
paniechef ließ den Trompeter nochmals blasen, um nachzufragen, ob die
Kompanie in diesem Ahnentempel bleiben solle. Die Antwort stellte den
Kompaniechef nicht zufrieden, so dass der Trompeter ein drittes Mal seine
Backen aufblasen und ein Signal übermitteln musste.
Vom Südende der Straße kamen zwei stattliche Hunde gelaufen, mit gu-
tem weißen Fell und klugen Augen, wie Zwillinge standen sie da vor den
Leuten. Sie wussten anscheinend, dass in dem Tempel etwas vorging, und
waren gekommen um nachzusehen.
Dieses Hundepaar löste bei uns wilde Fantasien aus. Für gewöhnlich
rief, gleich wo wir hinkamen, der Anblick eines gut im Fleisch stehenden
Hundes Mordgelüste bei uns aus, die schwer zu unterdrücken waren. Aber
eine so klare wie zerbrechliche Frauenstimme lenkte uns ab, die nach »Da-
bai« und »Erbai« (»Großer Weißer« und »Zweiter Weißer«) rief, worauf
die Hunde sehr verständig zu uns herüberschauten, wohl wissend, dass hier
ihres Bleibens nicht war, und nach Hause liefen.
Es war bald Nacht, der Himmel voll roten Gewölks.
Dann gab es bei uns einen unerwarteten Zwischenfall. Der Trompeter 57
war den ganzen Tag marschiert, und während sich die anderen jetzt zum
Ausruhen niedersetzen konnten, musste er auf einen der von der Abendson-
ne beschienenen Steinlöwen klettern und wieder und wieder seine Trompe-
te blasen, bis ihm die Beine steif und taub wurden. Dann sprang er herunter,
aber seine Beine konnten sein Gewicht nicht mehr abfedern, er strauchelte
und tat sich dabei so weh, dass er nicht mehr hochkam. Er hatte sich beide
Füße so verrenkt, dass er nicht mehr normal gehen konnte.
Der Trompeter kam aus meiner Heimat, aus dem gleichen Wehrdorf,
wir waren Sommers im selben Fluss geschwommen und hatten im selben
Wald Matsutake-Pilze gesammelt, und jetzt war es wohl an mir, sich um ihn
zu kümmern.
Wenn  einem  Zwanzigjährigen  so  ein  Unglück  widerfährt,  was  sollte
man dazu sagen! Weil der Kompaniechef auch aus unserer Gegend kam,
entband er ihn nicht von seinem Trompeterposten, aber wegen dieses Miss-
geschicks war der Trompeter jetzt ganz in  seiner Funktion gefangen,  er
würde nie mehr wie andere Trompeter eine Chance bekommen, sich auf der
Kaderschule fortzubilden und dann aufzusteigen. Er war nicht mehr quali-
fiziert, am Kampf gegen die Banditen und derlei Dingen teilzuhaben, er
konnte nicht mehr wie andere Soldaten nachts über die Lehmwände klet-
tern, um Rendezvous mit den Frauen des Dorfs zu haben. Mit einem Wort,
alle Privilegien seines Lebens waren weg, unwiederbringlich verloren.
Weil ich aus seiner Heimat kam, kümmerte ich mich ganz besonders um
den Burschen. Ich war damals Gruppenführer, und so nahm ich ihn in mein
Zelt auf. Er stand nach wie vor in der ersten Dämmerung auf, zog ordentlich
seine Uniform an, stieg auf die Stufen des Ahnentempels und blies die Re-
veille, nach zehn Minuten dann zum Appell, und dann noch eine Melodie.
Um acht blies er zum Exerzieren, um zehn dann zum Ende des Exerzierens.
Und noch viel mehr blies er, er erlaubte sich keine Nachlässigkeit. In den
zwei Wochen seit die Truppe hier Quartier genommen hatte, wurde über-
haupt nicht mehr exerziert, aber der Trompeter hatte trotzdem streng nach
der Regel seiner Pflicht nachzukommen. Jedes Mal, wenn er zum Blasen
ging, musste ich ihn stützen. Hatte ich gerade keine Zeit dafür, dann half
einer der diensthabenden Köche aus.
Wir hofften alle, dass es langsam mit ihm besser würde. Der Regiments-
chirurg  machte  dem  Unglücklichen  sehr  glaubhafte  Versicherungen.  An
beiden Beinen ließ ihn der Regimentsarzt zur Ader, massierte ihn und koch-
te ihm eine Menge Tinkturen, zum Schluss wurden seine Beine noch ge-
schient. Ein Tag um den anderen verging, doch es zeigte sich keine Besse-
rung. Wir waren alle etwas verzweifelt, nur er selbst verzweifelte nie.
Alles würde wieder gut, wenn ihm nach zwei Monaten die Schienen ab-
genommen würden, dann könne er am Feld den Hasen nachjagen. Der alte
Regimentsarzt lächelte, als er das hörte, denn er wusste, dass es für den
Burschen keine Hoffnung gab, so etwas je wieder zu tun. Aber er folgte da-
bei den ärztlichen Regeln, selbst das Gesetz erlaubt diesen Leuten ja zu lü-
gen. So gestand er dem Trompeter alles Mögliche zu, manchmal sogar noch
weiter hergeholte Sachen als die Verfolgung von Hasen.
Nach zwei Monaten gab es immer noch keinerlei Besserung für den jun-
gen Mann. Zwar waren die Schwellungen zurückgegangen und es war kei-
ne Blutvergiftung mehr zu befürchten, auch kein Austritt von Eiter, aber
trotzdem war der Trompeter jetzt vollends ein Krüppel. Er brauchte nicht
mehr versorgt zu werden und erledigte seinen Dienst mit voller Kraft. Im-
mer noch wohnte er in meinem Zelt, und so entstand zwischen uns eine
enge Freundschaft.
In dem Ort, in dem wir stationiert waren, war nicht viel los, aber vergli-
chen mit den Städtchen am Xiang-Fluss hatte er doch seinen eigenen Cha-
rakter.  Es  gab  nur  drei  Straßen,  und  der  Trommelturm  im  Zentrum  be-
herrschte das Ortsbild. Wie anderswo gab es hier Apotheken und Opium-
höhlen, es gab Spielhöllen und Wirtshäuser. Ich verbrachte fast alle Tage
mit dem behinderten Trompeter, wir gingen zusammen aus, unterstützten
uns gegenseitig beim Trinken, und beim Spiel teilten wir Gewinne und Ver-
luste.
Solange  unsere  Truppe  nicht  weitermarschierte,  konnte  der  Bursche
nach wie vor das Soldatenleben genießen. An allem, was ein Soldat so trieb,
hatte auch er Anteil. Wenn er zu den jungen Frauen ging, trauten sich die
nicht, ihn schlecht zu behandeln. Wenn er am Spieltisch mit fünf Groschen
Einsatz Einundzwanzig spielte, genierten sich die anderen, ihn übers Ohr
zu  hauen.  Beim  Trompetenblasen  hatte  früher  niemand  an  ihn  herange-
reicht, und auch jetzt übertraf ihn niemand. Alle wussten von seinem Un-
glück und alle halfen ihm.
Doch in mancher Hinsicht sah ich doch eine Wesensveränderung bei
ihm. Er war immer noch Trompeter, aber eigentlich hatte ein Trompeter
eine besondere Liebe zu seinem Instrument und hatte es überall dabei. Er
hatte ein flinker, lebhafter und zupackender Mensch zu sein. An manchen
Tagen  kletterte  er  beim  ersten  Morgenlicht  auf  einen  Berg  oder  einen
Wachtturm, um zu üben, und nachts blies ein Trompeter im Mondschein
seine Melodien, und ein Trompeter der anderen Kompanie in der Ferne
stimmte darin ein. Die Trompeter der anderen Kompanien paradierten an
Markttagen in ihren schmucken Uniformen auf dem Platz und beeindruck-59
ten die Leute. Manchmal lachte ihnen das Glück, und sie erregten das Inte-
resse der Frauen, die mit heller Stirn und leuchtenden schwarzen Augen
hinter den halbhohen Türen hervorlugten. Außerdem konnte einer, wenn er
gut zu Fuß war, mit der Trompete auf einen Berg steigen und blasen, und
eine Horde Kinder würde schüchtern einen Ring um ihn bilden und die
Kunst dieser großen Persönlichkeit genießen. So würde ein vertrautes Ver-
hältnis mit ihnen entstehen, er würde viele kleine Freunde gewinnen.
Aber mit all den Rechten des Trompeterdaseins war es jetzt vorbei. Was
ihm blieb, waren die wenigen Pflichten, die mit seiner Funktion verbunden
waren. Aus dem früher lebhaften und aufgeschlossenen Burschen war ein
irgendwie  trübseliger,  mitleiderregender  Mensch  geworden.  Seine  Füße
waren verkrüppelt. Der Kompaniechef rief ihn vor versammelter Mann-
schaft den »Krüppel« und die Kameraden setzten »Krüppel« neben seinen
Namen, weil damit gleich klar war, wen man meinte. Selbst die Köche der
Kompanie nahmen es sich heraus, geringschätzig von ihm zu reden und äff-
ten hinter seinem Rücken seinen Gang nach.
Zu Anfang erfüllte er seine Trompeterpflichten noch ganz wie ein Ge-
sunder, stand pünktlich vor dem Tempeltor oder auf den Steinstufen vor der
Halle und blies mit Inbrunst seine Trompete. Später bekam dann die Kom-
panie einen jungen Gehilfen für ihn, und als der alle Melodien einigerma-
ßen richtig beherrschte, wurde der Trompeter selbst nur noch selten in die
Pflicht genommen.
Er wanderte jeden Tag mit mir zu einem Doufumacher in der Südstraße.
Dort saßen wir auf einer langen Holzbank und schauten dem jungen Inha-
ber dabei zu, wie er die Bohnenmilch herauspresste und Doufu (Tofu) her-
stellte. Gegenüber gab es eine Posthalterei, ein ansehnlicheres Haus als alle
die Läden im Ort. Man konnte im Hausinneren Kalligraphien und Rollbil-
der an den braun glänzenden Holzwänden hängen sehen, darunter reichlich
Paare von goldbesprenkelten vertikalen Sinnsprüchen. An unserem ersten
Tag schon sahen wir, dass die beiden weißen Hunde dort gehalten wurden.
Sie hockten jeden Tag vor dem Tor, und wenn jemand kam, den sie kannten,
spielten sie mit ihm. Bis jemand sie rief, dann liefen sie schnell in den In-
nenhof, wo ein Bassin mit Goldfischen stand.
Lungerten wir den ganzen Tag in dem Laden herum, nur um eine Schale
Bohnenmilch zu schnorren? Wollten wir wirklich mit dem jungen Besitzer
Brüderschaft schließen und stellten uns deshalb auf guten Fuß mit ihm?
Es gab einen anderen Grund, warum wir herkamen. Allerdings, von
uns zweien war der eine ein Krüppel, den anderen hatte man zum Grup-
penführer gemacht. Der konnte zwar aus dem Glied treten und einen Na-60
mensappell  befehlen,  er  hatte  unter  seinen  Kameraden  eine  gewisse
Machtbefugnis, auch für die Offiziere hatte er Machtbefugnis, fast wie ein
Reserveoffizier, er konnte die Köche seiner Gruppe nach Herzenslust zu-
sammenscheißen und so seiner schlechten Laune Luft verschaffen. Aber
sobald er draußen war, was blieb da von der Autorität eines Gruppenfüh-
rers? Eine Kompanie hatte zehn oder zwölf Gruppenführer, ein Bataillon
hatte deren sechsunddreißig, ein Regiment hatte über hundert von ihnen.
Die Schulterklappe eines Gruppenführers brachte uns nur etwas mehr Ver-
antwortung. Viele Vorteile, die der einfache Soldat hatte, hatte man als
Gruppenführer nicht mehr. Ein Soldat konnte sich gehen lassen, ein Grup-
penführer durfte das nicht. Wenn einer gewusst hätte, was im Gefecht die
Pflichten eines Gruppenführers waren, verglichen mit einem Zugführer –
der Gruppenführer hätte ihm Leid getan. Wenn ich hierher kam, war mir
der  Gruppenführer  egal,  hier  in  der  Doufumacherei  maßte  ich  mir  die
Rechte eines einfachen Soldaten an. Tag für Tag lehnten wir die Schale
Bohnenmilch aus der Hand des kräftigen Junggesellen nicht ab. Aber die
Bohnenmilch war es nicht, warum wir hier waren. Wir hatten die zwei wei-
ßen Hunde ins Herz geschlossen. Und die Herrin der beiden Hunde. Krät-
zige Kröten mit Appetit auf Schwanenfleisch – das traf genau auf uns beide
zu.
Dieses Mädchen war ein Lebewesen für sich! Wir hatten in unserem Le-
ben noch nie eine wie sie gesehen. Ich hatte eine Menge Nebenfrauen von
Divisionskommandeuren gesehen und eine Menge Studentinnen. Erstere
waren ursprünglich Singmädchen, und wenn sie heirateten, sahen sie wie-
der wie Singmädchen aus. Letztere waren so kräftig bebaut, dass wir es mit
der Angst bekamen. Sie rannten, machten Ballspiele und andere Sachen,
die uns nie eingefallen wären, Wasserbüffel wurden aus ihnen, da war kei-
nerlei Eleganz, keine zierliche Figur. Wir wussten nicht zu sagen, woran es
bei diesem Mädchen lag, aber für uns war sie eine schöne Blüte, eine Fee.
Wir hielten uns einerseits an die Kasernendisziplin, aber wir gehorchten
auch unseren Bedürfnissen. Wir trauten uns in diesem Ort nicht, über die
Stränge zu schlagen, aber jeden Tag saßen wir in dem Doufuladen. Wir
plauderten mit dem jungen Inhaber, halfen ihm, den Mahlstein zu drehen,
die Sojamilch umzugießen und das Doufu abzupacken, aber gleichzeitig
hofften wir darauf, dass das Mädchen herauskam, damit wir ihre Erschei-
nung  sehen  konnten.  Oft  erspähten  wir  nur  einen  Flecken  ihres  weißen
Kleids beim Goldfischbassin, dann pochte schon unser Herz und das Blut
schoss uns durch die Adern. Jeden Tag kauften wir alle möglichen Lecke-
reien, um die Hunde für uns zu gewinnen. Erst schnüffelten die beiden Kre-61
aturen nur kurz daran und trollten sich dann, als hätten sie unsere Hinterab-
sicht erraten. Als aber der Doufumacher ihnen die Sachen hinwarf, da sahen
sie erst ihn an und fraßen dann, als ob sie verstanden hätten, dass es sich
nicht um Giftköder handelte.
Warum wir so viel Mühe auf diese hoffnungslose Sache verwendeten,
das wussten wir selbst nicht. In unserer Position konnten wir wohl Freund-
schaft mit den Hunden dieses Haushalts schließen, aber ihrer Herrin wür-
den wir trotzdem nie näherkommen. Das war das Haus des Posthalters, der
einzigen  Respektsperson  dieses  kleinen  Ortes,  er  war  Vorsitzender  der
Handelskammer, und sein Geschäft diente unserer Einheit als Umtausch-
stelle. Er gab öfters Einladungen, und seine Gäste waren durchwegs dis-
tinguierte Leute, wie der Regimentskommandeur, der Bataillonskomman-
deur, der Militärrichter und der Quartiermeister. Alle kamen sie. Oft sah
man auch, dass der Versorgungsoffizier des Bataillons und sein Sekretär
in das Geschäft kamen und mit dem Hausherrn tafelten und Karten spiel-
ten.
Vom  Inhaber  des  Doufuladens  wussten  wir,  dass  das  Mädchen  die
jüngste Tochter des Handelskammervorsitzenden war, und erst fünfzehn
Jahre alt. Wir wussten, dass es hoffnungslos war, aber trotzdem kamen wir
jeden Tag in den Doufuladen, um darauf zu warten, dass die verhätschelte
junge Dame aus dem Haus kam. Nur einmal wollten wir ihr leuchtend schö-
nes Gesicht sehen, dann war das für uns ein glücklicher Tag. Selbst wenn
wir sie den ganzen Tag nicht sehen konnten, dann war es schon ein Trost
für uns, ihr zartes Stimmchen zu hören, wenn sie ihre beiden Hunde rief:
»Dabai, Erbai!« Geistesabwesend starrten wir zu dem Fischbassin hinüber,
weil dort öfters ein weißes oder grünes Stück Stoff aufblitzte. Dann wussten
wir, dass sie sich im Innenhof die Zeit vertrieb.
Nach einiger Zeit wurden die Hunde zu unseren Freunden. Wenn sie uns
sahen, kamen sie ganz vorsichtig zum Doufuladen, um mit uns zu spielen.
Wir  liebten  diese  Kreaturen  und  hassten  sie  zugleich,  denn  mitten  im
schönsten Spiel bedurfte es nur eines Rufes, und die beiden liefen zurück.
Aber diese Tiere waren so brav, so klug. Kein Hund schloss jemals Freund-
schaft mit Soldaten, sie waren immer seine Todfeinde. Entweder nutzte der
Hund  eine  Gelegenheit  anzugreifen,  oder  er  nahm  Reißaus.  Doch  diese
Hunde waren wirklich unsere Freunde geworden.
Der Inhaber des Doufuladens war ein kräftiger Bursche, der nicht viel
redete. Er war täglich munter bei der Arbeit und machte mit jedem Geschäf-
te, abends schloss er die Tür und schlief. Wie es aussah, kümmerte er sich
um nichts als um sein Gewerbe, er kam auch kaum herum. Anfangs wuss-62
ten wir nicht, wann er überhaupt aß und wann er wegging, um Sojabohnen
für  sein  Doufu  einzukaufen.  Er  war  schweigsam,  aber  wenn  ein  Kunde
kam, stand er ohne Nachlässigkeit Rede und Antwort. Auf alle unsere Fra-
gen gab er zufriedenstellende Auskunft.
Einmal luden wir ihn ins Gasthaus ein, da war er, als es ans Bezahlen
ging, schon vorher an der Theke gewesen und hatte die Rechnung begli-
chen. Als wir ihn zum zweiten Mal einluden, ließ er ohne weiteres uns be-
zahlen.
Wir wussten nur, dass er vom Land hierher gezogen war. Manchmal ka-
men Verwandte aus seinem Dorf in den Doufuladen, die nicht wirkten, als
ob sie besonders arm wären. Sein Geschäft lief nicht schlecht, so dass er
nach Hause schickte, was er zur Seite legen konnte. Als wir ihn fragten, ob
er sich nicht eine Frau zulegen wolle, lächelte er nur und schwieg. Er konn-
te etwas singen, hatte eine bessere, höhere Stimme als jeder in unserem Ba-
taillon. Er spielte Xiangqi, chinesisches Schach, und Aufschriften auf den
Spielsteinen, wie »Wagen«, »Ross«, »Elefant« oder »Soldat« konnte er klar
unterscheiden, obwohl er Analphabet war. Er benutzte für seine Geschäfte
keine Rechnungsbücher, aber was angeschrieben wurde, das konnte er sich
irgendwie notieren oder merken, ohne dass ihm ein Fehler unterlief. Uns
betrachtete er als seine Freunde, er war vor uns nicht auf der Hut, schmei-
chelte sich aber auch nicht ein. Wir kamen anscheinend nur in seinen La-
den, um nach dem Töchterchen des Handelskammervorsitzenden Ausschau
zu halten, aber ohne das gute Verhältnis mit dem Inhaber hätten wir uns
kaum bei Regen wie Sonnenschein dort herumgetrieben.
Wenn ich bei meinen Plaudereien mit meinem Trompeterkameraden im
Doufuladen auf das Mädchen von gegenüber zu sprechen kam, dann fiel
unvermeidlich auch mal ein grobes oder törichtes Wort, oder wir machten
mit den beiden Hunden unsere Faxen, aber dann lächelte der junge Laden-
inhaber nur, und obwohl sein Lächeln anscheinend keine bösen Hinterge-
danken verbarg, schien doch ein Geheimnis dahinterzustecken.
Ich sagte dann: »Was lächelst du denn? Gibst du nicht zu, dass sie eine
Schönheit ist? Gibst du nicht zu, dass diese zwei Hunde mehr Glück haben
als wir?« Wie immer bekam ich keine Antwort. Und selbst wenn er einmal
antwortete, dann lächelte er auf seine treuherzige und ehrliche Art und zeig-
te eine fast mädchenhafte Schüchternheit.
»Wieso lächelst du denn noch? Ihr Leute vom Land versteht überhaupt
nichts von Schönheit! Ihr mögt bestimmt Frauen mit großen Brüsten und
dicken Hintern, ihr mögt Muttersäue und Wasserbüffel. Weil ihr nichts von
Schönheit wisst, weil ihr nicht wisst, was hübsch ist.«
Dann fügte der hinkende Trompeter manchmal noch hinzu: »Verdamm-
te Hunde, wie gut die es haben!« Und er neckte den Doufuverkäufer, ob er
denn nicht ein Hund sein wolle, nur um jeden Tag mit dem Mädchen zu-
sammen sein zu können.
Dann wurde der Bursche jedes Mal rot, drehte mit noch mehr Energie
seinen Mahlstein und lächelte.
Wer wusste schon, was dahintersteckte? Und wer wollte dem unbedingt
nachgehen?
Wir hatten, das kann man sagen, eine glückliche Zeit. Denn neben un-
serem  Umgang  mit  dem Doufuverkäufer,  dem  Schlürfen der  Sojamilch,
während wir gleichzeitig zu der Schönheit hinüberlugten, gingen wir öfters
noch auf den Platz, wo Leute hingerichtet wurden. Unsere Regimentskom-
mandantur ließ alle fünf Tage, wenn Markt war, Übeltäter aus den umlie-
genden Dörfern heranführen, man suchte sich dann ein paar aus, die nach-
weislich Schlechtes angestellt hatten, und ließ sie öffentlich köpfen. Früher,
als wir noch in Huaibei stationiert waren, wurde unsere Kompanie mit der
Bewachung beauftragt, ein Zugführer musste die Delinquenten heranfüh-
ren, und der Trompeter blies vor der versammelten Mannschaft. Auf dem
Platz stürmte die Truppe dann voran, die Trompete blies zum Angriff, und
dann  wurde  es  ernst.  Nach  der  Hinrichtung  wanderte  die  Truppe  in  ihr
Quartier zurück, und auf der Straße war das Signal zum siegreichen Rück-
zug zu blasen. Jetzt aber hatte der hinkende Trompeter keinen Anteil mehr
daran. Jetzt war die Bewachung Sache der Leibwache, die im Gefecht für
die Sicherheit des Regimentskommandeurs sorgte. Sie beanspruchten die
Hinrichtungen für sich. Uns blieb nur, diese traurigen Reihen und die blu-
tige Komödie zu betrachten. Auch ich konnte nicht mehr als Gruppenführer
die Leute herbringen und vor der Menge zur Schau stellen. Aber das war
kein Nachteil für uns, eher ein Vorteil, wir hatten mit der Bewachung nichts
mehr zu tun, konnten hingehen und uns die abgeschlagenen Köpfe und die
steifen, bleichen Leiber ansehen. Da durften wir dann eine Weile stehen
und mussten nicht gleich weg.
Einmal schleppten wir auch den Doufumacher mit, weil er nie den Mut
gehabt hatte, sich sowas anzusehen. Es lagen damals vier Leichen auf dem
Platz. Am Oberkörper hatte man sie nackt ausgezogen, sie sahen gerade-
wegs aus wie tote Schweine. Einige einfache Soldaten in schäbigen Unifor-
men stocherten in einer äußerst vorwitzigen Art mit Bambusstecken in den
Halsröhren der Leichen herum. Ein paar hungrige Köter kauerten in einiger
Entfernung und beobachteten alles mit wachem Blick.
Der Trompeter fragte den Doufumacher, ob er vor sowas Angst habe. 64
Der lächelte nur sein geheimnisvolles und nie maliziöses Lächeln. Als wir
das Lächeln dieses jungen Mannes sahen, freuten wir uns über die Freund-
schaft mit ihm, so wie wir uns darüber freuten, wenn wir die Stimme jenes
Mädchens hörten. In genau der gleichen Weise spürten wir darin das Leben.
Weil wir glücklich waren, verging die Zeit wie im Flug.
Ehe wir uns versahen, hatten wir schon ein halbes Jahr lang in der Dou-
fumacherei nach dem Mädchen Ausschau gehalten.
Wir waren dem Doufuverkäufer nähergekommen, und auch die beiden
Hunde waren uns jetzt sehr vertraut. Manchmal nahmen wir sie ins Lager
mit oder ans Flussufer, um uns die Zeit zu vertreiben, und bekamen sogar
die Erlaubnis ihrer Herrin dafür.
Weil wir jetzt wussten, dass wir keine Chance bei dem Mädchen hatten
(wir waren inzwischen so vertraut mit dem Doufumacher, dass wir aus sei-
nem Munde einige Dinge erfuhren), redeten wir keinen Unsinn und hatten
auch keine törichten Absichten mehr. Aber immer noch kamen wir in den
Doufuladen und griffen unserem Freund bei dieser oder jener Tätigkeit unter
die Arme. Wir beherrschten die Doufuherstellung jetzt in allen Einzelheiten,
wir konnten die Temperatur der Bohnenmilch einschätzen und die Qualität
der Sojabohnen beurteilen. Wir lernten viele Kunden aus dem Ort kennen,
die  sich  gern  mit  uns  unterhielten  und  mit  uns  Bekanntschaft  schlossen.
Wenn es Dienstgrade oder Soldaten aus unserem Lager waren, dann wollte
unser Chef oft, dass ich ihnen etwas mehr Doufu gab, und manchmal nahm
er kein Geld von ihnen. Unser Leben verschmolz mit der Doufumacherei,
und wir waren die engsten und vertrautesten Freunde der beiden Hunde. Die
Stimme  des  Mädchens  konnte  zwar  die  Hunde  von  uns  wegrufen,  aber
manchmal pfiffen wir dann, und dann kamen sie wieder zurück.
Öfters sahen wir, wie junge Offiziere in geschniegelten Uniformen mit
weißen, vor Verlegenheit etwas geröteten Gesichtern die Straße herunterka-
men und mit geschwellter Brust und geräuschvollen, sporenbewehrten Le-
derstiefeln einfach durch das Tor gegenüber marschierten. Dann dachten wir,
dass da sicher die ein oder andere Sache passierte, und wir barsten vor Eifer-
sucht. Ich kannte mich ja etwas aus und wusste mich nach diesem Schlag mit
anderen Dingen zu trösten, aber mein verkrüppelter Trompeter war äußerst
unglücklich darüber. Oft sah ich ihn hinter dem Rücken dieser jungen Offi-
ziere die Faust ballen, als ob er sie niederschlagen wolle. Und oft sah ich, wie
er mit dem Doufumacher etwas besprach, achtete aber nicht weiter drauf.
Einmal, als wir in einer Schenke schon etwas über den Durst getrunken
hatten, vergaß ich mich und sagte folgendes zu dem hinkenden Behinder-
ten:65
»Du  bist  ein  Krüppel,  mein  Freund,  mein  werter  älterer  Bruder,  ein
Krüppel! Ein Fräulein verheiratet sich nur mit einem jungen Bataillons-
kommandeur. Schauen wir uns doch selber an, wie wir uns im Fluss spie-
geln, dann wissen wir, dass wir damit nichts zu tun haben. Was sind wir
denn schon? Vier Yuan im Monat, wenn wir marschieren, waten wir durch
den Schlamm, wenn wir Quartier machen, dann gibt es Appelle und Exer-
zieren, nachts schlafen wir auf Stroh und werden von Wanzen gebissen. Wir
essen Rindfleisch und Sauergemüse und klammern uns an ein kaltes Ge-
wehr – – – Wir sind jung, aber was hilft das? Wir sind Hunde und Schweine,
aufgereiht zu einer Armee, wieso machen wir uns Hoffnungen auf dieses
Mädchen? Warum schätzen wir uns so falsch ein? – – –«
Da war ich schon ziemlich betrunken und konnte mich nicht mehr im
Zaum halten. So sprudelte es aus mir heraus, ich wollte meinem stets so ge-
horsamem Freund ins Gewissen reden. Ich benutzte wohl auch noch eine
Menge Vergleiche in Bezug auf seine Füße. Wir zwei waren allein, und mit
der Zeit schlug die Stimmung meines Freundes um, er stürzte sich wie ein
rasendes Tier auf mich. Wir rangen miteinander, wurden zu einem einzigen
Knäuel, zogen uns an den Ohren und verprügelten uns ohne jede falsche
Scham. Ich war stockbetrunken, auch er war nicht mehr nüchtern, wir be-
schimpften uns sinnlos, bis Soldaten an der Tür vorbeikamen und den Lärm
bemerkten. Wohl weil es sich um die eigenen Leute handelte, kamen sie he-
rein und zogen uns mit einiger Mühe auseinander.
Zurück im Lager kotzten wir uns aus, nachts erwachten wir von unse-
rem Rausch und tranken eine Menge kaltes Wasser aus dem Wasserfass.
Dann kam uns mit der Zeit, was in der Nacht passiert war, und wir heulten.
Warum mussten wir miteinander kämpfen? Was hatte uns so zur Weißglut
gebracht? Warum das alles? Unsere gerade zugeteilten wattierten Militärja-
cken hatten wir zerrissen. Wir gingen in den Hof und sahen den untergehen-
den Mond, der einem Totengesicht glich. Vom Himmel fielen überall Stern-
schnuppen, ein schönes, glitzerndes Schauspiel. Überall begannen die Häh-
ne zu krähen. April war es gewesen, als wir hier stationiert wurden und der
Trompeter seine Beine verletzte. Jetzt war es schon Oktober.
Tags darauf sahen wir beide das geschwollene Gesicht des anderen, und
wir genierten uns. Einige in der Kompanie wussten, dass wir uns geprügelt
hatten, und fürchteten eine Wiederholung. Aber wider Erwarten hatten wir
schon vergessen, was in der Nacht im Suff passiert war. Streng genommen
hatten wir die Sache nicht vergessen, aber vielleicht schweißte uns gerade
das noch enger zusammen.
Wir gingen nach wie vor zur Doufmacherei, und als uns der Inhaber sah, 66
staunte  er  nicht  schlecht  und  dachte,  zwischen  uns  sei  bestimmt  etwas
Schlimmes passiert. Wir selber lachten, wenn wir uns ansahen, über unsere
verkratzten und verschwollenen Gesichter.
Ich klärte dann unsere Freunde über die Sache auf, auch der Doufuver-
käufer wusste jetzt, was los gewesen war. Ich sagte ihm, mir sei jetzt all der
Blödsinn wieder eingefallen, den ich von mir gegeben hätte, auch als ver-
krüppelten Hund hätte ich ihn beschimpft, und dann seien wir irgendwie
aneinandergeraten. Zum Glück seien wir besoffen gewesen und ziemlich
schlapp, nicht richtig bei der Sache, und deswegen hätten wir uns in der Hit-
ze des Gefechts auch nicht die Köpfe eingeschlagen.
Da trat das Mädchen vor die Tür. Die Hunde tanzten um sie herum,
schmeichelten sich ein und leckten ihre kleinen Hände.
Wir verstummten und blickten alle drei hinüber. Sie schien die Schram-
men auf unseren Gesichtern zu bemerken und sah uns lächelnd an, was sie
früher nie getan hatte, anscheinend ohne Schüchternheit und ohne Angst,
wir könnten ihr was zuleide tun. Ihr Lächeln wirkte fast, als kenne sie den
Grund für den Radau am Vortag.
Ich war dann sehr niedergeschlagen, weil wir für dieses Mädchen über-
haupt nicht existierten, vielleicht dachte sie in ihrem kleinen Herzen, wir
kämen jeden Tag als Geschäftspartner des Doufumachers hierher, um uns
ein wenig Geld zu verdienen. An dem Trompeter bemerkte ich die gleiche
Niedergeschlagenheit, denn seine kaputten Beine waren ihr ja längst be-
kannt, sein Erscheinungsbild war noch schlechter als meines. Für ihn muss-
te das alles noch schwerer zu ertragen sein.
Der Doufumacher seinerseits legte sich mit seinen Armen noch kräfti-
ger ins Zeug, ob bewusst oder unbewusst, und er hob den Mahlstein an um
zu untersuchen, ob seine Achse beschädigt war. Das tat er jetzt zum dritten
Mal, zuvor war es in ähnlichen Situationen geschehen. Dieser ehrliche und
schlichte Bursche untersuchte jetzt wieder seinen Mahlstein.
Ich wollte ihn fragen, bekam aber keine Gelegenheit dazu.
Nach einer kurzen Weile war sie wieder hinter dem goldverzierten Tor
verschwunden. Wie ein Stern, wie ein Regenbogen hatte sie sich in einem
Augenblick aufgelöst. In unserer Seele ließ sie ein schimmerndes Zeichen
zurück. Ich wollte meinem Freund gerade einverständig zulächeln, als der
plötzlich meinte:
»Bruder, du hast mich gestern zu Recht beschimpft, ganz zu Recht! Wir
sind Schweinehunde, wir sind Gullykröten! – – –«
Ich wollte meinem todtraurigen Freund etwas sagen, wollte diesen un-
glücklichen Krüppel trösten:
»Sowas darfst du nicht sagen, ein Mann darf sowas nicht sagen. Wir ha-
ben  doch  Mumm,  mit  diesem  Mumm  können  wir  alles  erreichen.  Der
höchste Turm beginnt unten auf der Erde, wir wollen Präsident werden, wir
wollen General werden, so eine Frau ist doch nichts Besonderes.«
Der Trompeter meinte: »Ich will gar nicht Präsident werden, das ist zu
schwierig. Meine Beine, diese verdammten Dinger, meine Beine! – – –«
»Wer lässt dich denn nicht ein richtiges Leben führen? Das mit den Bei-
nen wird wieder werden, dann kann dich der Kompaniechef für die Kader-
schule empfehlen. Dann wirst du wie alle die anderen Studenten eine Posi-
tion finden.«
»Ich bin doch weniger als ein Hund. Wenn meine Beine wieder gesund
sind, dann bitte ich den Kompaniechef, dass er mich zum einfachen Solda-
ten macht, dann gehe ich den ganzen Tag auf den Exerzierplatz, dann sollen
sie mich schleifen – – –«
»Mit der Zeit schaffst du das«, sagte ich und wandte mich dem Doufu-
macher zu, der den Mahlstein schon eingerichtet hatte und den Holzknüp-
pel zu schieben begann. »Unser Leben ist doch, wie diesen Mahlstein zu
drehen, einfach sinnlos. Was meinst du dazu?«
Der Bursche meinte wohl, dass meine Ausführungen nicht ganz zu mei-
ner Stellung passten und auch nicht zu seinem Leben. Er lächelte mich ge-
nauso an wie sonst und bei anderen Gelegenheiten.
Ich verstand jetzt. Wir drei hatten uns in dieselbe Frau verliebt.
Am 14. Oktober musste ich ein Schreiben zur siebzig Meilen entfernten
Kommandantur  bringen,  dazu  hatte  ich  noch  Anderes  zu  erledigen.  Ich
wartete in Shimen auf die Antwort, übernachtete dort und war so zwei Tage
unterwegs.
Nach der Rückkehr brachte ich das Antwortschreiben ins Regiment und
meldete mich von meinem Auftrag ab. Sechs Yuan Belohnung bekam ich
für meine Mission und ging in bester Laune zu meiner Kompanie. Ich woll-
te nachfragen, ob jemand nach Hause fuhr, damit ich ihm vier von den sechs
Yuan mitgeben konnte. Dafür sollte man zu Hause Geräuchertes für den
Winter besorgen. Ich traf den Krüppel, und bevor ich noch den Mund auf-
machen konnte, sagte er:
»Bruder, das Mädchen ist tot!«
Was sollte das denn? Ich beugte mich ganz ruhig hinunter, um meine
Bastsandalen zu wechseln. Der Krüppel stellte sich vor mich hin und sagte
wieder »Das Mädchen ist tot!«, so dass ich es ernst nehmen musste. Als ich
es begriffen hatte, packte ich ihn grob am Kragen und schrie ihn an, ob das
stimme, und er sagte, ich solle es doch mit eigenen Ohren hören, weil in 68
diesem Augenblick von draußen die Trommeln und Gongs einer Totentrau-
er ertönten, und ein Suona wurde in schrillem, hohen Ton und mit Vibrato
geblasen. Auf einem Fuß barfuß, der andere steckte noch in der nassen San-
dale, so zog ich den Krüppel zur Tür hinaus. Wie die Feuerwehr stürmten
wir zum Doufuladen, ohne Rücksicht auf das Gehinke des Trompeters und
die Blicke der Leute. Aber schon auf halbem Weg merkte ich, dass der
schrille Lärm der Suona, der Glocken und Gongs aus dem Haus gegenüber
vom Doufuladen kamen. Ich fröstelte, mir war, als hätte ich einen Schlag
vor den Kopf bekommen, ich bekam Ohrensausen. Das ist doch verrückt,
dachte ich, das ist doch verrückt!
Ich  saß  still  auf  der  Bank  im  Doufuladen  und  bekam  von  meinem
Freund eine Schale Sojamilch. Vor dem Haus gegenüber sammelten sich
aus heiterem Himmel eine Menge Leute, vor dem Tor hingen weiße Trau-
ertücher, viele Kinder hatten sich weiße Trauerbinden um den Kopf gewi-
ckelt und kauften sich vor dem Tor etwas zu Essen. Neben dem Fischbassin
sah ich Leute, die sich verbeugten und Totengeld und Silberbarren aus Pa-
pier verbrannten. Die Flammen loderten hoch und die Papierasche flog weit
hinauf.
Ich wusste jetzt, dass das alles Realität war, und bekam überall Krämp-
fe, trotzdem lachte ich.
Ich sah den Doufuverkäufer an. Der war nicht mehr so zuversichtlich
wie sonst, er hatte offensichtlich auch einen Schock bekommen und be-
wahrte mit Mühe seine Fassung. Er tat, als ob er mich nicht sähe und drehte
sich weg. Dann sah ich den Trompeter an, und sein Anblick war kaum aus-
zuhalten. Ich hätte ihm am liebsten einen Faustschlag versetzt, nahm aber
dann doch Abstand von so einer törichten Handlung.
Ich fragte dann nach und erfuhr, das Mädchen habe am Vortag Gold ein-
genommen und sei dann gestorben.  [Die Einnahme von Blattgold führt
zum Ersticken, eine in China übliche Form des
Freitods. Für den Hinweis danke ich Paul U. Unschuld]
Warum hatte sie das getan, mit wem hatte das zu tun, das verstand ich
damals und auch heute nicht (viele sterben auf diese Weise, und die Leben-
den wundern sich nicht einmal darüber). Der Tod dieses Mädchens war für
mich ein Verlust, das hätte ich zuvor nie so gesagt, aber jetzt nannte ich die
Sache beim Namen. Wir waren erst sehr traurig, als die Sprache darauf
kam, später lachten wir alle, und als wir auseinandergingen, hätten wir uns
am liebsten vor Freude verprügelt.
Schwer zu sagen, woher diese Freude kam. Anscheinend wusste jeder
von uns, dass dieses Mädchen einem Blumentopf glich, auf den wir kein
Recht hatten. Als der Blumentopf zerbrach, waren wir erst etwas betrübt,
aber dann redeten wir darüber, wie viele Blumentöpfe von irgendwelchen
Arschlöchern in Beschlag genommen würden, alle Blumentöpfe würden
früher oder später von den Mächtigen in Besitz genommen, nur dieser eine
Blumentopf war leider am Boden zerschellt, und das tröstete uns irgendwie.
Doch als wir zurück im Lager waren, ging es uns schlecht. Unser Leben
lag in Scherben. Von jetzt an würde uns nichts mehr Herzklopfen machen,
nichts mehr würde uns tagträumen lassen. In unserem Leben würde für im-
mer eine unsichtbare Lücke klaffen, selbst wenn man es mit einem Flicken
stopfte, es würde nie mehr vollständig.
Aber was machte es wirklich für einen Unterschied, ob so ein Mädchen
lebte oder tot war? Selbst wenn sie munter weiterleben würde, was hätten
wir noch zu hoffen, wenn eines Tages der Befehl zur Verlegung der Truppe
kommen würde? Und selbst wenn wir noch so lange hier stationiert blieben,
wir, ein hinkender Trompeter und ein Gruppenführer, was hätten wir zwei
Schmuckstücke  schon  zu  wollen?  Was  für  großartige  Pläne  hatten  wir
schon, abgesehen von der Bekanntschaft mit zwei Hunden?
Am nächsten Tag wachten wir früh auf und sahen uns wortlos auf dem
Bett sitzend an. Jeder von uns bemühte sich wohl, irgendwo in der Weite
einen neuen Platz zu finden, an dem er nicht zu sehr von der Erinnerung ge-
peinigt wurde. Wir wollten beide ärgerlich werden, aber wir wussten nicht,
warum unsere Laune derart schlecht geworden war.
»Warum hast du so geschwollene Augen? Du Narr, du!«
Der Trompeter ging auf meinen Spott hin nicht zum Gegenangriff über,
sondern warf mir nur einen mitleiderregenden Blick zu.
Ich sagte: »Du wirst doch nicht Trauer tragen, nur weil sie gestorben
ist?«
Er sah mich weiter so an, als ob er sein Schweigen für ein schlagkräfti-
ges Argument hielte, um meine Aufmerksamkeit zu erregen.
Ich verstand das, aber deswegen gab ich mein Recht nicht auf, ihn auf-
zuziehen.
»Krüppel, du bist wirklich eine krätzige Kröte, die Insekten frisst und
zum Himmel hinaufschaut.«
Da fragte er mich nur leise: »Bruder, sag mal, können Tote eigentlich
wieder lebendig werden?« Wegen dieser dummen Frage schimpfte ich ihn
wieder nach Strich und Faden aus.
Als wir  zum Doufuladen  kamen, war gegenüber alles verlassen, vor
dem Tor lag noch weißes Totengeld herum. Unser Freund der Doufumacher 70
saß auf seiner Bank und stützte den Kopf auf die Hände. Wenn ein Kunde
kam, ließ er ihn selbst mit dem Messer ein Stück Doufu vom Brett abheben.
Uns empfing er etwas gereizt, er wollte anscheinend seine Wunden verber-
gen, trotzdem lächelte er. Sein Lächeln war der Beweis, dass er immer noch
gesund war und ein gutartiges Wesen besaß.
»Was ist los? Hast du Kopfschmerzen?«
»Begraben – – – begraben, in aller Frühe haben sie sie begraben.«
»Heute früh hat man sie begraben?«
»Im Morgengrauen sind sie schon aufgebrochen.«
»Was hast du denn, dass du so bedrückt bist?«
»Nichts, überhaupt nichts.«
Dann holte er schnell Schalen und Deckel, um uns Sojamilch anzubie-
ten.
Es war ein beklemmendes Gefühl, hier zu sitzen. Wir gingen dann zu
einer Frau dieses Orts, um Karten zu spielen. Dort erfuhren wir, dass das
Mädchen zwei Meilen von hier beim Silberkarpfenweiler begraben worden
war.
Ich weiß nicht, warum mich der Anblick des todtraurigen Trompeters so
in Wut brachte, dass ich ihn am liebsten beschimpft und geschlagen hätte.
Es war, als ob seine betrübte Haltung meine Hingabe an jenes Mädchen be-
sudeln würde. Irgendwie beleidigte mich seine Art. Ich wollte nicht mehr
mit ihm am selben Tisch Karten spielen. Ich ging und legte mich auf meiner
Strohmatratze schlafen.
In der Nacht kam der Krüppel nicht ins Lager zurück. Er hatte gesagt,
er wolle nicht im Lager schlafen, also vermutete ich, dass er bei der Frau
die Nacht verbringen wollte und dachte mir nichts dabei. Am nächsten Tag
wollte ich noch nicht aufstehen und döste auf meinem Bett. Am Nachmittag
bekam ich etwas Fieber, fühlte mich krank und hatte keinen Appetit mehr.
Ich trank etwas Ingwersuppe, um mich dann zuzudecken und zu schwitzen.
Schweißgebadet wachte ich auf, es war fast schon Nacht.
Ich ging hinter die Halle, um Wasser zu lassen. Es hatte nach dem Regen
aufgeklart, die Abendsonne hing schräg über dem Dach und tauchte alles in
ein goldgelbes Licht. Ein Wölkchen schimmerte in der untergehenden Son-
ne in den fünf glückverheißenden Farben. Diese Szenerie und der dünne
Rauch, der sich über dem Dach jenes Hauses kräuselte, das Bellen der Hun-
de und der Trompetenklang im Lager erinnerten mich daran, was an unse-
rem ersten Tag hier geschehen war. Ich dachte an das Schicksal meines
Freundes, und was wir alles erlebt hatten, und das machte mich niederge-
schlagen und traurig. Eine Frage trug ich mit mir herum, wie denn dieses
seltsame Leben zu erklären sei. Meine Gedanken waren naturgemäß noch,
das konnte man sagen, schlicht und unkompliziert.
Dann schlief ich weiter, ich wollte nichts essen, nicht reden und an nichts
denken. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, ich zog mir die Decke über den
Kopf und vernahm nur noch verschwommen die Stimmen der Kameraden,
die im Oberstock beim Kartenspiel lärmten. Ich sah viele Leute vor mir, als
ob wir schon losmarschiert wären, schon auf dem Weg wären, schon ange-
kommen wären. Vergangenes kam mir in den Sinn, ich sah wieder die Mie-
ne, die der Trompeter bei seinem Sturz gemacht hatte. Als ich erwachte,
schien jemand neben mir zu sitzen. Ich schlug die Decke zurück und sah im
Schimmer der Öllampe an der Haupthalle – die im Raum war schon erlo-
schen – den Umriss eines Menschen, der bewegungslos neben mir saß.
»Krüppel, bist du’s?«
»Ja.«
»Wieso kommst du erst jetzt zurück?«
Er verbarg sein Gesicht im Dunkeln und sagte nichts. Ich hatte lange ge-
schlafen, hatte zwei Mal geschwitzt und war noch ganz benommen. Ich
wusste gar nicht, wie spät es war, und fragte ihn nach der Uhrzeit. Keine
Antwort, als ob er mich nicht gehört hätte.
Nach einer Weile sagte er: »Bruder, meine Ahnen haben mir geholfen,
der Himmel ist mir beigestanden, die Wache hätte mich sonst um ein Haar
über den Haufen geschossen.«
»Kennst du denn die Losung nicht?«
»Woher soll ich die Losung kennen?«
»Ist es denn schon nach zwölf?«
»Keine Ahnung.«
»Wo warst du denn, dass du erst jetzt zurückkommst?«
Wieder verstummte er. Ich sah, dass die Soldaten über dem Reisfass
eine Meifu-Petroleumlampe [Meifu ?? war der Markenname von
Standard Oil., Anm. d. Übers.]
für mich angebracht hatten. Die Flamme war
weit heruntergedreht, ich ließ ihn es heller machen. Erst beim zweiten Mal
kam er meiner Aufforderung nach.
Im hellen Schein der Lampe erkannte ich erst, dass er überall lehmver-
schmiert war. Im Gesicht hatte er Schrammen, als ob er sich mit jemand ge-
prügelt hätte. Ich war perplex und wusste nicht, wie ich ihn fragen sollte,
wo er sich den ganzen Tag herumgetrieben und was er getan hatte. Ich war
verwirrt, weil ich ihn eben noch im Schlaf vom Steinlöwen hatte stürzen se-
hen. Alles war noch wie im Traum.
Er flüsterte mir zu: »Bruder, das Grab ist von jemand geöffnet worden.«
»Wem sein Grab?«
»Es ist wohl gerade ausgegraben worden, ich hab’s genau gesehen.« Er
sagte das in einer so fieberhaften Art, dass ich schon an seinem Verstand
zweifelte.
»Von welchem Grab redest du denn? Wo ist es denn, woher weißt du das
alles?«
»Woher ich das weiß? Ich hab’s von Leuten gehört, dass die mit den lan-
gen Zöpfen beim Silberkarpfenweiler begraben ist, ich wollte es mir anse-
hen. Gestern war ich das erste Mal dort, da war es noch unberührt, und in
der Nacht bin ich nochmal hin, ich kenne den Weg genau, da war das Grab
schon geöffnet worden.«
Entweder war ich verrückt geworden oder mein Freund. Ich wusste,
wessen Grab das war. Wie von Sinnen sprang ich auf: »Du warst bei ihrem
Grab? Du warst bei ihrem Grab? Was hast du vorgehabt? Du Vieh – – –«
Der Freund wunderte sich kein bisschen darüber und meinte gefasst und
ganz leise: »Ja! Ich war bei dem Grab, gestern, und heute Nacht wieder. Ich
hatte nichts Schlechtes vor! Ich schwöre es, bei den Königen des Himmels,
ich hatte gar kein Werkzeug dabei. Als ich gestern den Grabhügel gesehen
habe, da war er noch intakt, rund wie ein Dampfbrot aus Erde, und in der
Nacht war alles zerstört. Ich schwöre es, ich hab’s dann in der Nacht gese-
hen, da sah es ganz anders aus. Ich weiß nicht, wer das getan hat, ich weiß
nicht, wer sie aus dem Sarg geholt und fortgeschleppt hat.«
Als  ich  seinen  haarsträubenden  Bericht  hörte,  kam  mir  plötzlich  ein
Mensch in den Sinn. Aber ich sprach nicht aus, wer es war, der Gedanke
war in meinem Kopf aufgeblitzt und hatte sich dann gleich verflüchtigt.
Erst vermutete ich, die Seele des Mädchens sei zurückgekehrt, dann habe
es sich aus ihrem Sarg herausgekämpft und sei davongerannt. Vielleicht
war sie jetzt schon zu Hause und erzählte alles ihren Eltern. Dann dachte
ich wieder, sie sei nur in aller Eile zum Schein beerdigt worden, dann habe
sie jemand ausgegraben und gerettet. Oder mein Freund habe sich geirrt, in
seiner Panik habe er Richtung und Ort verwechselt, und das Grab, das er in
der Nacht gesehen habe, sei überhaupt nicht das ursprüngliche. Ich stellte
alle möglichen Überlegungen an, weil ich nicht glaubte, dass das alles real
war.
Dann fragte ich ihn, warum er denn zu dem Grab gegangen sei. Er wur-
de sehr ängstlich, meinte wohl, ich hätte den Verdacht, dass er den Täter
kenne, oder zumindest nach der Tat erfahren habe, wer der Täter war, und
er tat einen Schwur nach dem anderen, rief alle möglichen Himmelsgotthei-73
ten als Zeugen an, um sich gegen den Vorwurf zu wehren, er habe die Mäd-
chenleiche  rauben  wollen.  Er  erklärte  immer  wieder,  er  habe  keinerlei
Werkzeuge mitgenommen, um zum Grabräuber zu werden. Er verteidigte
sich mit aller Energie. Als er fertig war, sah er düster zu mir herüber, mit
einem ängstlich fragenden Blick. Wenn ich jetzt nicht gesagt hätte, dass ich
ihm glaube, dann wäre er durchgedreht und hätte mich erwürgt.
Der Schrecken hatte meine Krankheit verscheucht. Ich fragte mich, wie
ich meinen Freund ruhigstellen sollte, der drauf und dran war, den Verstand
zu verlieren, ja, der ihn mit Sicherheit verlieren würde. Ich erklärte ihm die
Sache auf jede mögliche Weise, führte unsinnige Geschichten ins Feld, um
diese gebrochene Seele zu trösten. Er fasste sich mit der Zeit, und als alle
Erregung  vorüber  war,  murmelte  er  ständig  nur  das  gleiche  unflätige
Schimpfwort. Er erzählte mir, dass er tatsächlich diese Überlegung ange-
stellt habe, weil er gehört habe, dass Mädchen, die durch die Einnahme von
Gold gestorben seien, innerhalb von sieben Tagen wieder zum Leben er-
weckt werden könnten, wenn ein Mann sie umarmte. Dann erzählte er wie-
der, am ersten Tag habe er nur die Vorstellung gehabt, er sei am Grab und
habe Hilferufe gehört, um dann in einer heroischen Tat das Mädchen aus
dem Grab zu retten. Beim zweiten Mal wollte er, ohne auf Hilferufe zu war-
ten, das Mädchen ausgraben. Aber dann habe er das Grab leer vorgefunden,
der Sargdeckel daneben, und der Sarg habe gleichsam sein Maul weit auf-
gerissen, als wollte er einen verschlingen. Er sei in den Sarg gesprungen,
habe  aber  außer  ein  paar  Kleidungsstücken  nichts  mehr  gefunden.  Be-
stimmt habe kurz zuvor jemand das Grab geöffnet und die Leiche des Mäd-
chens fortgetragen.
Er rief jetzt nicht mehr die Himmelsgötter als falsche Zeugen an. Nach-
dem er mir so aufrichtig und bis ins letzte Detail alles erzählt hatte, fand ich
keine Worte mehr, um ihn zu trösten. Ich glaubte die ganze Sache noch
nicht ganz, ich vermutete in meinem Innersten, die Sache sei uns nur in ei-
nem Traum widerfahren. Dann dachte ich wieder, wenn es doch kein Traum
war, dann würde der Trompeter am nächsten Morgen sicher bereuen, was
er mir erzählt hatte, denn so ein Verlangen war schwer zu unterdrücken, es
in die Tat umzusetzen aber doch unmenschlich. Weil er seine Untat bereute,
war es auch möglich, dass er mich umbrachte, um mich zum Schweigen zu
bringen. Dieser Gedanke ließ mich auf der Hut vor ihm sein. Aber er war
jetzt so weich wie eine Frau und außer zur Reue zu nichts mehr fähig. Nur
ein Problem ließ uns nicht los – wie sollten wir jetzt mit der Sache umge-
hen? Sollten wir es melden oder sollten wir das Rätsel auf sich beruhen las-
sen? Wir beratschlagten uns, und kamen zu dem Schluss, nach dem gesun-
den Menschenverstand ginge uns diese Entdeckung eigentlich nichts an,
aber wir sollten am nächsten Tag mal beim Doufuladen nachsehen. Der
Trompeter war nach seinem beschwerlichen Herumirren in der Nacht und
nach den Gesprächen mit mir todmüde und schlief gleich ein. Ich selbst hat-
te den ganzen Tag geschlafen und brachte jetzt kein Auge mehr zu. Ich be-
trachtete das sorgenvolle Gesicht dieses völlig verschmutzten behinderten
Mannes, löschte dann das Licht und erwartete neben dem Freund sitzend
den Tag.
Es war schon Vormittag, als ich zum Doufuladen kam, aber der Doufu-
macher hatte nicht geöffnet. Die Sache von letzter Nacht kam mir wieder in
den Sinn. Die Tür war von außen verschlossen, also hatte er nicht verschla-
fen, es war auch nichts im Hause passiert. Meine vage Idee schien sich zu
bewahrheiten, ich bekam es mit der Angst. Ich lief mit dem Trompeter zur
Kompanie zurück und teilte ihm, der so große Ambitionen entwickelt hatte,
meine Vermutung mit. Er wollte mir nicht so recht glauben, machte sich
dann allein auf den Weg und kam erst nach längerer Zeit kreidebleich zu-
rück. Er habe erfahren, dass der Doufumacher letzte Nacht seinen Laden
verlassen habe.
Drei Tage lang trauten wir uns nicht rauszugehen, sondern spielten Kar-
ten. Dann erzählte jemand im Lager eine Neuigkeit, die sich wie ein Lauf-
feuer verbreitete. »Das frische Grab der Tochter des Vorsitzenden der Han-
delskammer wurde geöffnet, die Leiche fortgetragen.« Dann hieß es noch,
die Leiche der jungen Frau sei eine Meile (1/2 km) vom Grab entfernt in
einer Höhle gefunden worden, sie habe nackt auf einem Bett aus Stein ge-
schlafen, und überall am Boden und auf ihrem Leib seien blaue wilde Chry-
santhemen verstreut gewesen.
Diese Nachricht fügte der menschlichen Unwissenheit eine neue Spiel-
art hinzu, aus Missbrauch war etwas Mystisches geworden.
Durch diese Nachricht waren wir wie vom Donner gerührt. Wir wussten
jetzt, was unser Freund getan hatte.
Ich ging danach nie mehr zum Doufuladen, saß nie mehr auf jener Bank
bei einer Schale Sojamilch, und unseren jungen, ehrlichen Freund sah ich
nie wieder. Mein verkrüppelter Dorfkamerad ist immer noch Trompeter der
47. Kompanie, er hinkt nach wie vor und hat nie mit jemand über diesen
Vorfall gesprochen. Er hatte nichts Unrechtes getan, aber die Handlung ei-
nes anderen ließ ihn das ganze Leben freudlos werden. Und ich, habe ich
noch eine Meinung dazu? – – – Ich wurde etwas melancholisch, komme mit
jungen Leuten nicht mehr so richtig klar, das Militär war nicht mehr das
Richtige für mich. So ging ich in die Stadt, aber auch in der Stadt fühle ich
mich nicht so recht wohl. Doch wohin soll ich noch davonlaufen? Ich kom-
me nicht zur Ruhe, denn immer wieder fällt mir jener Vorfall ein. Jeder hat
sein Schicksal, ich weiß es. Einige Dinge der Vergangenheit nagen immer
noch an meinem Inneren, und wenn ich sie ausspreche, dann denkt ihr, das
sei eine Geschichte. Niemand kann verstehen, in welcher Verfassung ein
Mensch lebt, dem hundert solcher Geschichten auf der Seele lasten.
Abgeschlossen am 24. August 1930
Aus dem Chinesischen übertragen von Rupprecht Mayer
Erstveröffentlichung in der Zeitscvhrift “Hefte für ostasiatische Literatur”.

Han Han: Etwas Freiheit bitte!

Posted: September 15th, 2014 | Author: RM | Filed under: Allgemein | No Comments »

Etwas Freiheit bitte!

Blogeintrag von Han Han, 26.12.2011

Übersetzung: Rupprecht Mayer

In meinem vorletzten Posting habe ich geschrieben, dass jeder eine andere Freiheit will, und im letzten, dass Demokratie und Rechtsstaat Feilschen bedeuten. Ganz gleich wie hoch der Weihnachtsrabatt ist, umsonst kriegt man nichts. Ich fange jetzt mal mit dem Feilschen an.

Zunächst einmal will ich, als ein Kulturschaffender, im neuen Jahr mehr kreative Freiheit. Ich habe nie von der Soundso-Freiheit oder der Soundso-Freiheit geschrieben, weil diese beiden Begriffe euch unterbewußt Angst einflößen und in Abwehrstellung bringen. Obwohl diese beiden Freiheiten ja seit jeher in der Verfassung stehen. Sie wurden nur nie richtig umgesetzt. Weil ich gerade dabei bin, möchte ich gleich noch etwas Pressefreiheit für die Kollegen von den Medien. Die Presse wird immer schon sehr streng unter Kontrolle gehalten. Und dann noch die Freunde vom Film, deren Leiden kannst du dir gar nicht vorstellen. Alle tappen sie wie Minensucher vorwärts bei ihrer künstlerischen Arbeit. Wer auf eine Mine tritt, der kommt um, wer nicht auf eine Mine tritt, dessen Gang ist langsam und verbogen. Diese Freiheiten entsprechen dem Lauf der Zeit, und ihr habt sie versprochen. Ihr habt bestimmt die KPdSU studiert. Ihr meint, dass ihre Niederlage zu einem großen Teil auf die Aufhebung des Zeitungsverbots durch Gorbatschow zurückgeht, und darauf, dass er die oberste Gewalt entsprechend der Verfassung von der KP an den Obersten Sowjet zurückgegeben hat. Deswegen seid ihr vorsichtig geworden, was Meinungsfreiheit und Verfassungstreue betrifft. Aber die Zeiten haben sich geändert, die modernen Methoden der Nachrichtenverbreitung machen alle Abschirmungsversuche nutzlos. Und die Einschränkungen im Kulturbereich haben dazu geführt, dass aus China kaum Schriften oder Filme kommen, die die Welt beeinflussen, und dass wir Kulturmacher nicht erhobenen Hauptes gehen können. Gleichzeitig hat China auch keine Medien mit globalem Einfluss – viele Dinge kann man für Geld nicht kaufen. Dabei ist ja eigentlich ein Aufblühen der Kultur eine preiswerte Sache: umso weniger Kontrolle, umso stärker die Blüte. Wenn ihr weiter behauptet, dass die Kultur in China nicht kontrolliert wird, dann wäre das allzu unaufrichtig. Deswegen meine herzliche Bitte, dass der Staat im neuen Jahr in den Bereichen Kultur, Verlagswesen, Presse und Film die Fesseln lockern möge.

Wenn man sich darauf einigen könnte, dann würde ich für meinen Teil für mehr Freiheit im Kulturbereich folgende Zusage geben: nicht abzurechnen, nach vorne zu schauen, nicht über sensible Vorfälle in der Geschichte der Regierungsführung von denen zu reden, nicht über die Sippen in den obersten Gruppierungen und deren Interessen zu reden oder sie zu bewerten, nur die derzeitige Gesellschaft würde ich bewerten und diskutieren. Wenn sowohl der Kulturbereich wie die staatliche Seite ein Stück nachgeben und gegenseitig eine vereinbarte Grenze respektieren würden, um dafür selbst mehr Spielraum zu gewinnen, das wäre doch wunderbar.

Aber wenn sich nach zwei, drei Jahren die Situation immer noch nicht verbessert hat, dann werde ich bei jeder nationalen Tagung des Schriftstellerverbandes oder des Verbandes der Kulturschaffenden im Saal sitzen oder an der Türe stehen, um zuzuhören und zu protestieren. Wie eine von den sprichwörtlichen Ameisen, die einen Baum schütteln wollen, eine winzige Kraft, nicht der Erwähnung wert – aber was kann man sonst tun. Natürlich nur ich allein, ohne einen einzigen Gefährten, und ich werde auch nicht meine Leser aufwiegeln. Ich werde nicht auf Kosten der Zukunft anderer mein eigenes CV aufbessern. Außerdem vertraue ich auf die charakterlichen Qualitäten unserer Generation, und deswegen glaube ich, dass das früher oder später kommen wird. Ich hoffe einfach nur, dass es früher kommen wird. Denn ich glaube, dass ich noch besser schreiben kann, aber ich möchte damit nicht warten müssen, bis ich alt bin, und deswegen bitte ich darum, vorankommen zu dürfen.

Das sind meine persönlichen Anliegen, die mit meinem Arbeitsgebiet zu tun haben. Ich finde, dass es in dieser für alle nützlichen Diskussion weniger um Überlegungen geht, wie es sein sollte, sondern eher darum, was man tun sollte. Es heißt ja, dass man sich in einem bestimmten Augenblick immer nur eine einzige Sache wünschen kann, und ich habe den Wunsch, den ich frei hatte, schon verbraucht. Andere Dinge, wie Fairness, Gerechtigkeit, Justiz, politische Reformen und das alles, das können die Freunde vorbringen, die es brauchen. Zwar glaube ich nicht, dass Freiheit unbedingt für sehr viele Menschen das vornehmste Ziel ist, aber niemand möchte immer in Angst und Unsicherheit leben. Möge jeder, der kein Geld hat, unter fairen Bedingungen zu einem werden, der Geld hat, und mögen alle, die Geld haben, sich nicht länger den Ausländern unterlegen fühlen, weil sie nichts anderes haben als Geld. Es sollten alle jungen Leute, wie wir an diesem Weihnachten, angstfrei über Revolution, Reformen und Demokratie diskutieren dürfen und sich um die Zukunft des eigenen Landes Sorgen machen, als wäre es ein Teil des eigenen Körpers. Politik ist nicht schmutzig, Politik ist nicht doof, Politik ist nicht gefährlich. Schmutzige, doofe oder gefährliche Politik ist nicht wirklich Politik. Chinesische Arzneien, das Schießpulver, Seide und Pandbären bringen uns keinen Ruhm, und nur weil sich Landratsgattinnen hundert Louis-Vuitton-Taschen kaufen können, zollt man unserer Nation noch keinen Respekt. Ich hoffe, dass die Regierungspartei große Schritte nach vorn tut, dann wird sie ewigen Ruhm ernten auch in den Geschichtsbüchern, die sie nicht selbst geschrieben hat.


Ein Nachkomme muss her

Posted: April 21st, 2014 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

In höchster Gefahr und größter Not tun Menschen manchmal seltsame Dinge, und hinter irrationalen und und unmotivierten Vorgängen verbirgt sich oft etwas gänzlich Unerwartetes. Wenn etwas ausserhalb aller Konventionen getan wird, dann kann man es nicht “mit festgeklebten [Lauten]wirbeln” beurteilen. Eine Frau aus meinem Heimatbezirk kam einmal unvermittelt mit gut einem Dutzend anderer Frauen zu einer Familie in einem Nachbardorf, stiess die Tür auf und entführte deren Tochter. Read the rest of this entry »


“augen”, Gedicht von Gu Cheng (1988)

Posted: Dezember 19th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | No Comments »

Gu Cheng Gedicht klein


Erster April

Posted: Dezember 2nd, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | No Comments »

Erster April

Von Huang Xiaoling ???

Morgens um acht trat ich durch das Portal unseres grossen, weissen Botschaftsgebäudes. Geheimer Stolz wärmte mir das Herz. Wer hätte es sich vor zwanzig Jahren träumen lassen, dass China einmal ein solches Objekt in bester Citylage kaufen könnte? Und heute fuhr ich, ein kleiner Nachwuchsdiplomat, schon einen BMW und lebte in einer stattlichen Wohnung, und wenn ich dienstlich mit ihnen zu tun hatte, dann bewiesen die eigentlich als leicht arrogant geltenden Einwohner unseres Gastlandes D. die größte Beflissenheit. Ich gehörte, um einen in der Heimat aktuellen Begriff zu gebrauchen, zur Mittelklasse. „Das chinesische Volk ist aufgestanden“, so hatte es der alte Mao ausgedrückt. Auf eine solche Bemerkung hin hatte ein reich gewordener alter Schulfreund die Brauen hochgezogen und ungläubig gefragt, ob das ein Witz sei, über den er lachen solle. Er war nicht auf der Höhe seiner Zeit. Read the rest of this entry »


Am Nordbahnhof

Posted: November 26th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | No Comments »

Xiao Kaiyu

Am Nordbahnhof

Mir ist als wäre ich viele.
Auf der Brücke am alten Nordbahnhof, da fangen sie an
in meinem Körper zu streiten. Diskussionen, Wortgefechte.
Ich rauche, betrachte die Bahnhofsruine,
ich will schreien, meine Kehle brennt.
Mir ist als wäre ich viele.
An einem toten Gleis klopfe ich mit den Füßen
blätternden Rost von den Schienen.
Was für ein Gedränge in mir, mir ist als stiegen Leute ein,
als stiegen andere aus, ein Zug kommt entgegen,
ein anderer fährt mir aus dem Leib.
Mir ist als wäre ich viele.
Ich betrete einen großen Saal, steige über Geländer.
Wo man einst die Karten kontrollierte, da bin ich
plötzlich leer. Ah, kein Reisender mehr in diesem Wartesaal,
nur stehende, sitzende Schatten.
Mir ist als wäre ich viele.
In einer nahen Gasse, beim kleinen
Zigarettengeschäft, beim öffentlichen Telefon,
da quellen sie hervor wie Schweißperlen, hocken herum
und hüpfen, versperren mir den Weg.
Sie tragen Armbanduhren und buntkarierte Hemden,
halten schwere Koffer, als wären es Luftballons.
Mir ist als wäre ich viele.
Ich esse Nudeln, da sitzen sie mir gegenüber
mit spitzen und eckigen Gesichtern lachen sie schallend.
Sind etwas buchhalterisch,
trügerisch normal. Doch ich habe gewaltigen Hunger. Lieder summend aus alten Filmen
klettern sie in meine Schale.
Mir ist als wäre ich viele.
Doch sie klumpen zusammen zu einem Knäuel Panik. Der Bus, in den ich stieg,
fängt an zu schwanken. Ich gehe in eine Bar, aber es gibt keinen Strom.
So bleibt mir nur zu Fuß zu gehen
nach Hongkou, zum Bund, zum Platz, auf Umwegen nach Hause.
Mir ist als steckten andere Füße in meinen.

10.6.1997

Übersetzung: Rupprecht Mayer


Chen Li (Taiwan): Das schwarze Schaf

Posted: August 19th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Das schwarze Schaf

Der jüngste, der das Gymnasium geschmissen hat und sich seither herumtreibt, ist das schwarze Schaf unter uns drei Brüdern, obwohl er ein grünes Drachen-Tattoo auf dem Schenkel hat, und sein Herz so weich ist wie das seiner Mutter. Mutter fährt ihr Leben lang mit dem Rad zur Arbeit und zahlt ihr Leben lang seine Schulden ab. Sie hofft immer noch, ihr Jüngster möge auf den rechten Weg zurückfinden. Mehrere Motorräder hat sie ihm schon gekauft. Auch Autos, und sie sind alle verschwunden. Nun hat sie erneut hinter meinem Rücken Kredit aufgenommen, um ihm einen Wagen zu kaufen. Der Wagen ist weiß, weiß wie Morgennebel im Winter. An jenem Morgen kam ich wieder in die Shanghai-Straße und sah, wie sie sich mit einem Putzlappen an das geparkte Auto heranschlich und es sanft und kraftvoll polierte, als wolle sie ein schwarzes Schaf weiß reiben. Rieb und rieb. Sie wusste, dass das weiße Auto bald von der Bildfläche verschwinden würde, und musste dem schwarzen Schaf ein weißes Fell nähen, bevor es erwachte.


Meister Yuli über Tiger und Menschen

Posted: Juni 16th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , | No Comments »

Meister Yuli sprach: „Der Tiger hat mehr als doppelt soviel Kraft wie der Mensch. Und er nutzt seine Tatzen und Zähne, welche dem Menschen fehlen, das verdoppelt seine Kraft ein weiteres Mal. Also ist es kein Wunder, wenn ein Mensch vom Tiger gefressen wird. Allerdings geschieht es selten, dass ein Tiger einen Menschen frisst, während sich Menschen des öfteren auf Tigerfelle betten. Wie kommt das? Read the rest of this entry »


Shang Qin (Taiwan, 1930-2010): Zwei Texte

Posted: Mai 25th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Die Grenze

Es heißt, es sei Krieg in der Ferne …

Da sieht sich in der Morgendämmerung auf der Straße ein Patrouillenfahrer genötigt zu halten, an einer ganz hindernislosen Stelle. Und danach verschränkt er die Hände hinter dem Rücken und wandert dahin mit geneigtem Kopf und gemessenen Schritts, um eine Erklärung bemüht, und will erkunden, wo die Grenze verläuft. Und wird so zur Skulptur dieses Gedankens.

Ein streunender Hund nun sieht die Grenzlinie mit eigenen Augen: Sie ist gewoben aus der gefühlten Richtung eines nächtlichen Traums, projiziert vom starren Blick eines frühen Gurglers, und aus ihrem Echo, zurückgeworfen vom Glasscherbenscheitel einer Betonblockmauer.

Die Geschwindigkeit des Schalls

In Trauer um Wang Yingxian, der im Polizeigewahrsam ertrank

Einer springt von der Brücke.

Bizarr verdreht und zugleich steif, wie eine Atrappe im Film. Mitten im Fall hält er eine halbe Sekunde inne, um dann langsam weiterzufallen. Das Echo des entsetzlichen Schreis im Augenblick des Sprungs war von der Wasseroberfläche zurückgeworfen worden und hatte ihn kurz gehalten. Als er dann auftraf, gab es nur noch einen trockenen Platscher.

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Vgl. Remembering Shang Qin von Steve Bradbury und weiterer Beitrag in ‘Full Tilt’.

Ferner: Peter Hoffmann, Traum oder Morgen – Texte des surrealistischen taiwanesischen Autors Shang Qin (*1930) (gemeinsam mit Studenten des Seminars für Sinologie der Universität Heidelberg). Bochum: Projekt Verlag, 2006.


Weltklugheit und Bücherwissen

Posted: Mai 5th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , | No Comments »

Der verstorbene Herr Yao’an [mein Vater] erzählte mir: “Neben ihrem Studium sollten die jungen Leute auch ein wenig von der Familie und von der Welt wissen, erst dann können sie eine Familie führen und sich in der Welt engagieren. Zu Ende der Ming-Dynastie stand die ‘Lehre des Weges’ [orthodoxe konfizianische Ethik in der Interpretation der Song-Dynastie] in höchstem Ansehen, und die Beamtenprüfungen wurden sehr wichtig genommen. Die Schlauen redeten nur noch über die ‘Lehre des Herzens’ [des Wang Yangming], bildeten Seilschaften und gewannen Einfluss, und auch die Biederen klammerten sich an ihre Lehrbücher, um einst Karriere zu machen. So kam es dazu, dass aus zehn Studierten kaum zwei oder drei verständige Menschen wurden.
Im Jahr Ren-wu der Chong-zhen-Periode [1642] zog der Herr des Studios der Grosszügigkeit [Ji Houzhai] mit seiner Familie [in die Provinzhauptstadt von] Hejian [heutiges Henan], um den lokalen Banditen in Meng Cun aus dem Weg zu gehen. Read the rest of this entry »


Herrn Dus Probleme mit Füchsen und Dachsen

Posted: April 17th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Nach den “Frühling- und Herbstannalen des Lü Buwei” können die Totengeister in Liqiu menschliche Gestalt annehmen. Das gibt es tatsächlich. Während meiner Zeit in Urumqi erzählte der Offizier Bahabu von einem wohlhabenden älteren Herrn namens Du, der in Gansu lebte. Sein Haus stand in der freien Landschaft, und in der Nähe gab es viele Fuchs- und Dachshöhlen. Read the rest of this entry »


Hintergründe eines plötzlichen Preisverfalls bei Reis

Posted: März 6th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Nach der Erzählung des Präfekten Zhang Mogu lebte in der Gegend von Dezhou und Jingxian ein reicher Mann, der statt Geld und Gold stets nur Getreide hortete, damit er nicht beraubt werden konnte. Read the rest of this entry »


Wurzeln

Posted: Februar 18th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | No Comments »

Wurzeln

Yan Li ??

ich will die ganze Welt bereisen
ich bereise die ganze Welt
ich habe die ganze Welt bereist

jeder Tag der ganzen Welt kennt meine Reiseschuhe

doch aus meinen Reiseschuhen
meine Füße auszugraben
das schaffen nur die Pantoffeln meiner Heimat

Aus:
????? (?) ?? ??
?????????????????
????, Peking 1985


Chen Li: Die Zunge

Posted: Februar 13th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Die Zunge

Ich hab ein Stück meiner Zunge in ihr Federkästchen getan. Jedesmal, wenn sie es aufmacht, um ihrem neuen Geliebten zu schreiben, hört sie mein Gestammel, das einer Reihe krakeliger Schriftzeichen gleicht und von Komma zu Komma dem Kratzen ihres frisch gespitzten Stiftes folgt. Sie hält inne. Sie weiß nicht, dass es meine Stimme ist, sie meint, dass ich für immer verstummt sei nach den Worten, die bei unserem letzten Treffen an ihr Ort gedrungen sind. Sie schreibt noch eine Zeile und entdeckt dann, dass ihr das Schriftzeichen ? (ai, „Liebe“), mit seinen vielen Strichen nicht schön geraten ist. Sie greift sich meine Zunge, die sie für einen Radiergummi hält, und radiert und radiert voller Kraft auf dem Papier herum, bis ein Blutfleck auf der Stelle zurückbleibt, wo vorher das Zeichen ? war.

Informationen zu Chen Li auch hier.


Das traurige Schicksal von Pinocchios chinesischem Vetter

Posted: Januar 19th, 2013 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Ein Akademieangestellter war als Anwärter auf ein Verwaltungsamt eingestuft worden und wartete in der Provinzhauptstadt auf Verwendung. Doch seine Entsendung ließ lange auf sich warten, und so geriet er in eine schwere Notlage. Ein Vorgesetzter hatte Mitleid mit ihm Read the rest of this entry »


Trauerarbeit nach dem Tod eines Lustknaben

Posted: November 13th, 2012 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , , | No Comments »

Ein Student war einem Lustknaben verfallen. Sie liebten sich wie Mann und Frau. Als der Knabe erkrankte und dem Tod nahe war, äusserte sich seine verzweifelte Anhänglichkeit auf tausendfältige Weise, und noch nach seinem letzten Atemzug umklammerte er das Handgelenk des Studenten so fest, dass dieser sich nur mit Gewalt von ihm losreissen konnte. Von da an sah er ihn in seinen Träumen, sah ihn im Licht des Mondes und der Lampe, und mit der Zeit sah er ihn sogar am helllichten Tag. Er war immer sieben oder acht Fuß von ihm entfernt, doch sagte er nichts, wenn er ihn ansprach, kam nicht näher, wenn er ihn rief, und wich zurück, wenn er auf ihn zuging. Seine Verstörtheit entwickelte sich zu einer Krankheit des Gemüts, die weder durch die Einnahme von Beschwörungszetteln noch durch Exorzismus zu heilen war. Read the rest of this entry »


Feng Shunan aus Hejian

Posted: November 12th, 2012 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Feng Shunan aus Hejian verfügte über eine gewisse Gewandtheit im Schreiben und schlug sich über zehn Jahre in der Hauptstadt mehr schlecht als recht durch. Jedesmal, wenn sich ihm eine Chance eröffnete, blieb er erfolglos. Read the rest of this entry »


Räuber und Menschenfresser in gebirgiger Landschaft

Posted: November 6th, 2012 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Die Bauern von Urumqi haben ihre Felder in der Nähe der Flüsse, um sie zu bewässern, und ihre Gehöfte bauen sie in der Nähe der Felder. Sie können also nicht in Ortschaften siedeln. Sie errichten in der Regel ein paar Gebäude, und ringsum haben sie keine Nachbarn. Das sind die „Ein-Familien-Weiler“, von denen bei Du Fu die Rede ist. Ausserdem leisten sie keinen Fron- oder Miltärdienst, und ihr Grundbesitz wird nicht vermessen. Sie entrichten nur Steuern für dreissig mu Land und können trotzdem in Ruhe Felder von ein paar Hundert mu bestellen. Gerade in den tiefen, zerklüfteten Tälern gibt es viele solcher Höfe.

Als Soldaten aus Jimusa in den Bergen auf die Jagd gingen, kamen sie zu einem Gehöft, dessen Tor fest verschlossen war, Read the rest of this entry »


Die chinesische Traumfrau des achtzehnten Jahrhunderts

Posted: September 21st, 2012 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | No Comments »

Es gibt unzählige Fälle von treuen und standhaften Frauen, die vergessen und nicht überliefert wurden. Der Herr von Yao’an [mein Vater] hörte Folgendes von dem Herrn von der Wolkenterrasse: “Als ich zum Ende der Ming-Dynastie auf der Flucht vor den Wirren war, sah ich ein Ehepaar, das gemeinsam auf der Flucht war. Der Mann schien sich einen Beutel mit Geld umgebunden zu haben, und ein Räuber war ihnen mit gezücktem Messer dicht auf den Fersen, Read the rest of this entry »


Optionen einer Schwiegertochter in der Hungersnot

Posted: September 13th, 2012 | Author: RM | Filed under: Allgemein | Tags: , , | Comments Off

Guo Liu (”Sexta Liu”) war eine Bauersfrau in Huaizhen. Wir wissen nicht, ob Guo der Familienname ihres Mannes oder ihres Vaters war. Es ist nur ihr Name “Guo Liu” überliefert. In den Jahren Jiachen und Yisi der Yongzheng-Periode (1724-1725) herrschte eine grosse Hungersnot. Ihr Mann rechnete damit, dass er nicht überleben würde Read the rest of this entry »